Was hätte Robinson mit dem KI-gesteuerten Smartphone gemacht?

Harald Henzler plädiert dafür, die Schöpfungshöhe menschlicher Kreativität zu überdenken

Harald Henzler reflektiert im folgenden Text über den Wandel des Wissensbegriffs und stellt fest, dass Wissen ohne menschliche Sinnstiftung bedeutungslos bleibt, während die KI heute die effiziente Verarbeitung von Informationen und die ökonomischen Grundlagen von Kreativität radikal verändert. Er betont dabei, dass zwar die KI-Systeme zunehmend kreative Ergebnisse liefern, die entscheidende Aufgabe der emotionalen Bewertung und Einordnung jedoch eine rein menschliche Kompetenz bleibt. Doch während wir uns als unverzichtbare Kuratoren der KI-Welt wähnen, stellt sich eine beunruhigende Frage: Was passiert mit unserem Selbstverständnis, wenn die Grenze zwischen menschlicher Schöpfung und künstlicher Produktion endgültig verschwimmt? Ein Impuls, der die Diskussion um das Thema anregen und bereichern will.

Stellen wir uns eine Welt vor ohne Menschen. In digitalen Speichergeräten ist alles Wissen der Welt gespeichert. Was hätte das für einen Sinn für uns?
Ohne einen Menschen, der das Wissen nutzt, ohne die Chance auf neues Leben, würde der Sinn fehlen.

Davon handeln zahlreiche dystopische Filme, Children of Men, I am Legend, oder Alles was wir geben mussten seien nur beispielhaft genannt. Sie spiegeln unsere Angst vor einem Ende, in dem es keinen Sinn mehr gibt, weil es auch keine Menschen mehr gibt. Oder sie stellen die Frage nach dem Sinn von Bildung und Wissen, wenn es nicht der Existenz des jeweiligen Menschen dient.

KI verändert unseren Umgang mit Wissen

Hätte Robinson ein Smartphone und eine KI zur Hand gehabt, wäre die Geschichte anders geschrieben worden.
KI verändert unseren Umgang mit Wissen. Sie stellt die Frage, wozu es uns noch braucht, wenn sie doch Informationen so viel schneller und oft auch besser verarbeiten kann.

Dann liegt es nicht mehr allein in Robinsons Hand, sich die Natur untertan zu machen, um zu überleben. Dann müsste er sich ganz schnell global wirkenden Einflüssen stellen und mit Hilfe einer KI Lösungen suchen für den Klimawandel, Wasserknappheit, Verschmutzung, terroristischen Angriffen und Cybersabotage.

KI prägt unsere Vorstellung von Wissen. Mit ihrer Hilfe können wir riesige Mengen an Informationen sichten, ordnen, klassifizieren, verdichten und in Handlungsanleitungen transformieren. Sie ermöglicht uns Helfer bei der Bewältigung vielfältiger Aufgaben.
KI prägt unser Handeln. Wir verändern unsere Gewohnheiten und passen unser Denken an. Wer noch die Streits von Ehepaaren bei der Suche nach dem richtigen Weg im Auto miterlebt hat, weiß, wovon die Rede ist: "Kannst Du keine Karte lesen?" Heute darf man die Stimme des Navigationsgeräts selbst wählen und die kuriosen Pannen bei der Nutzung dieser Geräte werden immer weniger.

Jedes Medium prägt unser Verhalten

"The medium is the massage": Der Druckfehler auf dem Titel von McLuhans Buch bewahrheitet sich. Jedes Medium prägt unser Verhalten. Das Medium selbst ist Teil der Botschaft, denn jedes Medium zeigt und verbirgt zugleich. So wie die deutsche Sprache auf die Welt zeigt und eine Haltung bewirkt, so machen es andere Sprachen auch, aber anders.
KI ist ein Werkzeug, das unser Verhalten verändert. KI ist Teil der Medienlandschaft. KI stellt die Frage, wofür wir stehen.

Wir müssen unsere Vorstellung von der Schöpfungshöhe menschlicher Kreativität überdenken. Sie ist die ökonomische Basis für die "creative industries". Ein Verlag erhält das Copyright von einer Autorin und verwertet dies in Form eigenständiger Produkte, die einen ökonomischen Wert haben. Davon profitieren beide.
Dieses System funktioniert nur noch bedingt. Denn die global operierenden KI-Anbieter haben andere Regeln gesetzt. Alles Wissen gehört jetzt plötzlich allen und einem Staubsauger gleich wird alles in den Dienst einer KI gestellt, um diese zu verbessern. Die Profiteure in diesem System sind die Anbieter einer KI.

Bewertender Kurator rückt in den Fokus

In einem wissenschaftlichen Aufsatz haben wir die in der Literatur diskutierte Vorstellungen von Kreativität im Zusammenhang mit KI-gesteuerten Tools und deren Auswirkungen auf das Marketing untersucht.
Dies kann beispielhaft stehen für viele andere Bereiche in der Gesellschaft.

KI verändert fast alle Aufgaben und Tätigkeiten in Bezug auf die Kommunikation mit und zu Kundinnen und Kunden. Die Unterscheidungen zwischen kombinatorischer, explorativer und transformatorischer Kreativität zeigen, dass KI kreative Ergebnisse hervorbringen kann, während eine neurowissenschaftliche und soziologische Betrachtung verdeutlicht, dass die emotionale Bewertung und Sinnstiftung menschliche Aufgabe bleiben. Dabei wird das Zusammenspiel von „synthetic“, „authentic“ und „hybrid“ Media den Markt bestimmen und die Rolle des bewertenden Kurators als wichtige Aufgabe wird zunehmen. Als Folgerung wird deshalb vorgeschlagen, die Kategorie der Kreativität nicht in den Fokus zu rücken, sondern die Aufgabe der Bewertung und Sinnstiftung in Zukunft genauer zu untersuchen.

Lesen Sie die wichtigsten Thesen von Harald Henzler und Vivianna Tanasi zu Marketing und KI.

Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors

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Prof. Dr. Harald Henzler 

ist Geschäftsführer der smart digits GmbH und begleitet Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung ihrer Digitalstrategie. Seine Schwerpunkte sind strategische Entwicklung und Geschäftsmodelle, Programmplanung und Contentstrategie sowie Kundenanalyse.
 Als Produktmanager, Verlagsleiter und Geschäftsführer (Carl Hanser Verlag, Haufe Lexware) hat er langjährige Erfahrungen in der Entwicklung und Umsetzung digitaler Geschäftsmodelle und des damit verbundenen Change-Prozesses.

 

Die smart digits GmbH 

berät seit über zehn Jahren im Bereich Digitalisierung. Unsere Schwerpunkte liegen in der
 - Entwicklung geeigneter Geschäftsmodelle und der Analyse der Kundenbedürfnisse,
 - Gestaltung von Marketingkampagnen mit den passenden Medien,
 - Bewertung der nötigen Technologien und ihrer Implementierung sowie dem
 - Changemanagement und dem Coaching.

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