„Lektorat ist Vertrauenssache.“
Lektorin Marion Voigt: Warum KI-Übersetzungen oft mehr Arbeit machen als sie sparen und weshalb menschliche Intelligenz das wahre Potenzial eines Textes ausschöpft.
Der Einzug der Künstlichen Intelligenz in die Verlagswelt verändert nicht nur die Art, wie Texte entstehen, sondern auch, wie sie geprüft werden. Für die freie Lektorin Marion Voigt bedeutet der technologische Wandel vor allem eines: einen erhöhten Bedarf an Wachsamkeit und multiperspektivischer Analyse. Im Interview schildert sie, warum das Nachrecherchieren von KI-Fakten den Zeitaufwand im Lektorat massiv erhöht, wie sie Tools wie Perplexity oder DeepL punktuell als Arbeitsmittel nutzt und weshalb eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Verlagen und Dienstleistern gerade jetzt neue Qualitätsstandards und faire Vergütungsmodelle braucht.
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Welche konkreten Auswirkungen hat der Einsatz von KI-Tools auf Ihre tägliche Arbeit und Auftragslage? Wo sehen Sie KI als Bedrohung für Ihr Berufsbild, wo als sinnvolle Ergänzung?
Als freie Lektorin arbeite ich für Buchverlage und Kommunikationsagenturen, wobei die Anfragen im Bereich Korrektorat und Werbelektorat deutlich zurückgegangen sind. Bei Manuskripten achte ich heute verstärkt auf versteckte KI-Spuren, da der Einsatz oft nicht offengelegt wird. Das erfordert mehr Stichproben und Nachrecherchieren von Fakten, was den Zeitaufwand erhöht. Besonders beim Übersetzungslektorat zeigt sich: Eine KI-Übersetzung nachzubearbeiten (Post-Editing) ist oft aufwendiger, als selbst zu übersetzen. Dennoch nutze ich KI-Tools als hilfreiches Arbeitsmittel, sofern Datenschutz und Urheberrecht gewahrt bleiben – beim Hochladen von Manuskripten in Cloud-Systeme verbietet sich der Einsatz von vornherein.
An welchen Stellen zeigen sich die Grenzen automatisierter Lösungen in Ihrem Fachbereich? Welche Kompetenzen bleiben auch künftig unverzichtbar menschlich?
Lektorat ist eine umfassende individuelle Dienstleistung. Während KI einzelne Schritte unterstützen kann, arbeiten Lektoren multiperspektivisch: Wir haben Stil, Genre und Zielgruppe ebenso im Blick wie die Intention des Autors und den Kontext des Textes. Nur mit menschlicher Intelligenz lässt sich die bestmögliche Version eines Werkes erstellen. Dabei spielt die persönliche Beratung bis hin zum Coaching der Autoren eine wesentliche Rolle, die eine KI nicht leisten kann.
„Ich kann mir ein Stundenhonorar plus KI-Pauschale vorstellen“
Wie sollten Verlage mit Ihnen als Dienstleister im KI-Zeitalter umgehen? Welche neuen Anforderungen, Vergütungsmodelle oder Vertragsstandards braucht es?
Mitarbeitende in Verlagen und Freie sollten partnerschaftlich zusammenarbeiten und gemeinsam KI-Leitlinien sowie Qualitätsstandards entwickeln. Wichtig wäre zudem der Zugang zu verlagseigenen KI-Systemen. Da Freie durch KI-Tools zusätzliche Kosten und durch die Prüfung von KI-Manuskripten einen höheren Zeitbedarf haben, bedarf es angemessener Honorare. Als neues Vergütungsmodell könnte hier ein Stundenhonorar kombiniert mit einer KI-Pauschale dienen.
Setzen Sie selbst KI-Anwendungen in Ihrer Arbeit ein? Wenn ja, wofür konkret – und mit welchen Erfahrungen?
Ich nutze eine kleine Auswahl: Gelegentlich Perplexity Pro für die Recherche, da sich Quellen leicht prüfen lassen. ChatGPT und Claude dienen mir zum Brainstorming, etwa für Buchtitel oder um bei Kurztexten die Tonalität zu prüfen. Selten kommt dabei ein fertiger Textvorschlag heraus, aber die Tools helfen, Denkblockaden zu lösen und den eigenen Entwurf zu schärfen. Für Rohübersetzungen nutze ich DeepL, wobei bei weniger gängigen Sprachen Vorsicht geboten ist. Rechtschreibtools wie Duden Mentor nutze ich kaum; die KI kann oft nicht beurteilen, welche Schreibweisen im Kontext eines Lektorats sinnvoll sind.
„Wir Textprofis könnten unsere Qualität durch ein MI-Siegel demonstrieren“
Wie sollten Verlage mit Ihnen als Dienstleister im KI-Zeitalter umgehen? Welche neuen Anforderungen, Vergütungsmodelle oder Vertragsstandards braucht es?
Mitarbeitende in Verlagen und Freie sollten partnerschaftlich zusammenarbeiten und gemeinsam KI-Leitlinien sowie Qualitätsstandards entwickeln. Wichtig wäre zudem der Zugang zu verlagseigenen KI-Systemen. Da Freie durch KI-Tools zusätzliche Kosten und durch die Prüfung von KI-Manuskripten einen höheren Zeitbedarf haben, bedarf es angemessener Honorare. Als neues Vergütungsmodell könnte hier ein Stundenhonorar kombiniert mit einer KI-Pauschale dienen.
Setzen Sie selbst KI-Anwendungen in Ihrer Arbeit ein? Wenn ja, wofür konkret – und mit welchen Erfahrungen?
Ich nutze eine kleine Auswahl: Gelegentlich Perplexity Pro für die Recherche, da sich Quellen leicht prüfen lassen. ChatGPT und Claude dienen mir zum Brainstorming, etwa für Buchtitel oder um bei Kurztexten die Tonalität zu prüfen. Selten kommt dabei ein fertiger Textvorschlag heraus, aber die Tools helfen, Denkblockaden zu lösen und den eigenen Entwurf zu schärfen. Für Rohübersetzungen nutze ich DeepL, wobei bei weniger gängigen Sprachen Vorsicht geboten ist. Rechtschreibtools wie Duden Mentor nutze ich kaum; die KI kann oft nicht beurteilen, welche Schreibweisen im Kontext eines Lektorats sinnvoll sind.

Marion Voigt M. A. ist freie Lektorin und Autorin für Belletristik und Sachbuch. Sie lebt in Franken und verfolgt als Mitglied der AG KI im Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL) aktiv die Entwicklungen rund um generative künstliche Intelligenz.
