Das Ende des werbefreien ChatGPT?
Die Monetarisierung beginnt – und damit die Verteilungsfrage. Von Corina Lingscheidt
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OpenAI hat angekündigt, dass es in den kommenden Wochen mit Tests von Werbung innerhalb von ChatGPT beginnen will, zunächst nur in den USA und für Nutzer der kostenfreien Version und des neuen ChatGPT-Go-Tarifs (günstiger Abo-Plan). Dabei sollen Anzeigen klar gekennzeichnet und getrennt von den Antworten erscheinen. OpenAI betont, dass Werbung nicht die Antworten beeinflusst und keine Chat-Daten an Werbetreibende verkauft werden sollen.
Wie auch immer: Für Verlagsmanager ist die Debatte um Werbung in ChatGPT weniger eine Frage des Nutzerkomforts als eine der Wertschöpfung. Sobald OpenAI mit ChatGPT systematisch Geld verdient – sei es über Werbung, Abos oder transaktionale Modelle –, stellt sich zwangsläufig die Frage: Werden die Inhalteanbieter daran beteiligt?
Warum OpenAI zahlen könnte
Aus Verlagssicht ist der Fall zunächst klar: Wenn journalistische Inhalte – direkt oder indirekt – zur Monetarisierung von ChatGPT beitragen, entsteht ein legitimer Anspruch auf Beteiligung. Doch auch aus Sicht von OpenAI sprechen mehrere Gründe dafür, Publisher einzubinden.
Erstens: Qualitätssicherung.
Werbung in einem KI-System erhöht den Druck, Antworten belastbar, aktuell und rechtssicher zu halten. Hochwertige, verlässliche Inhalte sind dafür kein Nice-to-have, sondern ein Produktionsfaktor. Lizenzierte Inhalte reduzieren Risiken – rechtlich wie reputativ.Zweitens: Markenvertrauen.
Sobald Antworten wirtschaftliche Entscheidungen beeinflussen, wird die Herkunft der Informationen relevanter. Etablierte Medienmarken fungieren als Vertrauensanker.Drittens: Regulatorischer Druck.
In Europa, aber zunehmend auch in den USA, wächst der politische Wille, Plattformen stärker an der Wertschöpfung journalistischer Inhalte zu beteiligen. Freiwillige Vergütungsmodelle könnten für OpenAI strategisch günstiger sein als erzwungene. Bezahlen wäre dann kein Altruismus, sondern Risikomanagement.
Warum OpenAI es nicht tun könnte
Gleichzeitig wäre es naiv anzunehmen, dass Zahlungen an Publisher automatisch Teil des Geschäftsmodells werden.
Denn erstens: Skaleneffekte sprechen gegen breite Vergütung.
OpenAI skaliert global. Individuelle Lizenzverträge mit Tausenden Medienhäusern sind komplex, teuer und widersprechen der Logik eines universellen KI-Systems. Bezahlt würde (wenn überhaupt) selektiv.Zweitens: Der Produktnutzen liegt nicht im einzelnen Inhalt.
OpenAI wird argumentieren, dass ChatGPT keinen Artikel ersetzt, sondern Informationen synthetisiert. Der wirtschaftliche Wert entstehe durch das Modell, nicht durch die einzelne Quelle. Diese Argumentation kennen Verlage bereits von Suchmaschinen.Drittens: Marktmacht verschiebt Verhandlungsspielräume.
Je stärker ChatGPT zum Standard-Interface wird, desto größer ist die Gefahr, dass OpenAI die Bedingungen diktiert. Ohne regulatorische Leitplanken könnte aus Partnerschaft schnell Abhängigkeit werden.
Für Verlage heißt das: Ein Zahlungsstrom ist möglich, aber nicht garantiert. Wir dürfen gespannt auf die weitere Entwicklung, das Ausrollen erster Anzeigen im europäischen Raum, Gesetzesinitiativen und Lobbyarbeit schauen.

Corina Lingscheidt ist seit über 10 Jahren als Geschäftsführerin in der Medienbranche aktiv. Unter der Dachmarke der MM New Media GmbH betreibt die studierte Journalistin und Psychologin mit ihrem Team u. a. die reichweitenstarken Websites news.de, unternehmer.de und qiez.de. Dabei setzt sie auf eine hybride Redaktion und ergänzende automatisierte Nachrichtenerstellung. Ihre Themen sind: Online-Medien, KI und New Work.
