KI drängt Kreative ans Ende der Bildkette
Umfrage unter Illustrator:innen: 46 Prozent haben Aufträge an generative KI verloren
Fast die Hälfte der Illustrator:innen, die an der neuen Umfrage der britischen Association of Illustrators (AOI) teilgenommen haben, weiß von Aufträgen, die an generative KI gegangen sind. Der Report „AI and the Future of Illustration“ (hier geht es zum Download) zeigt aber mehr als verlorene Jobs: Auch dort, wo weiterhin Menschen beauftragt werden, verändern KI-Bilder Briefings, Honorare und die Rolle der Kreativen im Prozess. Der österreichische Illustrator Roland Vorlaufer, mit dem der dpr im Sommer gesprochen hat, hält bewusst dagegen – mit Farbe auf Papier.
Veröffentlicht: 3.11.2026 | Foto / Video: KI-generiert, Magnific
2025 gaben 32 Prozent der befragten Illustrator:innen an, sicher zu wissen, dass sie einen Auftrag verloren haben, weil sich die Kund:innen für generative KI entschieden. 2026 sind es 46 Prozent. Für die AOI ist das das bislang deutlichste Signal, dass es bei KI in der Illustration nicht mehr vor allem um künftige Risiken geht, sondern um Folgen, die im Arbeitsalltag angekommen sind.
Auch finanziell wird die Lage enger. Mehr als die Hälfte der Befragten berichtet, dass ihr Einkommen aus Illustration in den vergangenen zwölf Monaten gesunken ist, bei 22 Prozent sogar um mehr als die Hälfte. Die AOI räumt ein, dass dafür nicht allein KI verantwortlich ist: Die schwache Konjunktur und seit Jahren schrumpfende Kreativbudgets spielen ebenso hinein. Wer konkret Aufträge an KI verloren hat und den Schaden beziffern konnte, kommt allerdings auf beträchtliche Summen. Mehr als die Hälfte dieser Gruppe schätzt den Verlust auf mindestens 2.500 Pfund (umgerechnet rund 2.900 Euro) in zwölf Monaten, vier von zehn auf mindestens 5.000 Pfund (rund 5.800 Euro), fast jede:r Vierte auf 10.000 Pfund (rund 11.700 Euro) oder mehr.
Der Auftrag bleibt, die Konzeptarbeit geht verloren
Verlorene Aufträge sind laut AOI nur ein Teil des Bildes. Mindestens ebenso stark verändert sich die Beauftragung selbst:
62 Prozent haben KI-generierte Bilder in Briefings oder Moodboards erhalten.
48 Prozent haben erlebt, dass KI-Bilder statt einer beauftragten Illustration eingesetzt wurden.
36 Prozent sollten KI-Bilder kopieren, verfeinern oder nachzeichnen.
31 Prozent berichten, dass Kund:innen wegen der verfügbaren KI-Tools niedrigere Honorare erwarten.
27 Prozent stehen unter Druck, schneller zu liefern.
Nur 7 Prozent haben keinerlei KI-bedingte Veränderungen bemerkt.
Oft kommen diese Faktoren zusammen. Das KI-Visual liegt dem Briefing bei, die Auftraggeber:innen betrachten es als bereits erledigten Teil der Arbeit, die Illustrator:in soll sich eng daran halten – bei kürzerer Deadline und einem Budget, das sich schwerer verteidigen lässt. Eine befragte Person aus Werbung und Branding schildert, wie Agenturen bestehende Illustrationen, auch ihre eigenen, durch KI laufen lassen, um daraus „Konzepte“ zu erzeugen. Anschließend soll sie die abgesegnete Richtung sauberer nachzeichnen. Konzept und Recherche fallen weg, übrig bleibt die reine Ausführung.
In einem anderen Fall lieferte eine Illustrator:in die erste Phase eines Auftrags ab, bekam die Arbeit dann durch KI bearbeitet zurück und sollte weitere KI-Bilder als „Inspiration“ nutzen. Sie stieg schließlich aus und verlor die Hälfte des Honorars.
Games und Concept Art stehen am stärksten unter Druck
Die AOI hat die Antworten nach 18 Tätigkeitsfeldern aufgeschlüsselt. Am deutlichsten ist der Druck in Visual Development und Concept Art: 64 Prozent berichten dort, dass Kund:innen KI statt einer Beauftragung nutzen, der höchste Wert aller Bereiche. In Games und interaktiven Medien haben 80 Prozent KI-Material in Briefings gesehen, 57 Prozent sollten generierte Bilder überarbeiten. Auch der Honorardruck (43 Prozent) und der Verlust an kreativer Kontrolle (34 Prozent) sind hier am größten. In der Animation berichten 41 Prozent von Erwartungen an schnellere Lieferzeiten, ebenfalls ein Spitzenwert.
In Werbung, Packaging und Licensing taucht KI dagegen vor allem im Briefing auf und weniger als vollständiger Ersatz. Am größten ist die Lücke im Packaging: 77 Prozent kennen KI-Material im Briefing, 48 Prozent haben erlebt, dass KI eine Beauftragung ersetzt hat.

Verlage: KI im Briefing ist längst Alltag
Für die Buch- und Medienbranche zeichnet der Report ein gemischtes Bild. KI-generiertes Material in Briefings ist bei Buchcovern (69 Prozent), Buchinnenillustrationen (68 Prozent), im Bildungsverlag (69 Prozent) und im Editorial-Bereich (69 Prozent) ähnlich verbreitet. Bildungsverlage fallen zusätzlich durch Honorardruck auf: 42 Prozent der dort tätigen Illustrator:innen berichten von niedrigeren Honorarerwartungen, 44 Prozent sollten KI-Bilder überarbeiten. Bei Covern und Innenillustrationen sind Honorar- und Zeitdruck geringer, doch rund vier von zehn Befragten wurden auch hier gebeten, generierte Bilder nachzubessern.
Am wenigsten betroffen ist das Kinderbuch. Doch auch hier berichten 42 Prozent, dass Kund:innen KI-Bilder statt einer Illustration eingesetzt haben, 59 Prozent kennen KI-Material im Briefing. Die AOI warnt ausdrücklich davor, den Bereich deshalb für „sicher“ zu halten.
Wer ohnehin benachteiligt ist, verliert häufiger
Besonders hart trifft die Entwicklung Illustrator:innen, die sich in der Branche als unterrepräsentiert oder marginalisiert sehen. In dieser Gruppe wissen 60 Prozent von an KI verlorenen Aufträgen, bei den übrigen Befragten sind es 36 Prozent. 29 Prozent der Unterrepräsentierten haben mehr als die Hälfte ihres Illustrationseinkommens verloren, gegenüber 16 Prozent der anderen. 34 Prozent fühlen sich wegen ihres Hintergrunds, ihres Stils oder ihrer Themen stärker von generativer KI getroffen, bei den übrigen Befragten sind es 4 Prozent. Unter Befragten mit Behinderung, Neurodivergenz oder chronischer Erkrankung berichten 64 Prozent von verlorenen Aufträgen und 52 Prozent von Honorardruck.
Offen ist zudem, was aus dem Berufseinstieg wird. Eine Absolventin berichtet, Kund:innen beschwerten sich, sie sei nicht so schnell wie ChatGPT. Gerade erste Aufträge sind aber der Ort, an dem Nachwuchs-Illustrator:innen lernen, Briefings zu lesen, mit Art Directors zu arbeiten, Honorare zu verhandeln und Netzwerke aufzubauen. Fallen diese Einstiegsjobs weg, fehlt der nächsten Generation die Praxis.
Zustimmung ja, Lizenzierung nein
Während die Zahl der verlorenen Aufträge steigt, bleiben die Erwartungen an den Schutz der eigenen Rechte nahezu unverändert hoch:
98 Prozent finden, dass KI-Unternehmen eine Erlaubnis einholen müssen, bevor sie urheberrechtlich geschützte Illustrationen für das Training nutzen.
97 Prozent fordern Transparenz über die verwendeten Trainingsdaten.
97 Prozent verlangen eine Vergütung, wenn Werke bereits ohne Zustimmung genutzt wurden.
99 Prozent sprechen sich für eine Kennzeichnung KI-generierter Bilder aus.
Bemerkenswert ist, dass die Forderung nach Zustimmung keineswegs Lizenzbereitschaft bedeutet: 86 Prozent würden ihre Arbeiten unter keinen Umständen für KI-Training lizenzieren. Zustimmung heißt für viele eben auch, Nein sagen zu können. Rund neun von zehn Befragten vertrauen nicht darauf, dass das britische Recht sie derzeit vor unerlaubtem Training, Kopieren oder Stilimitation schützt.
Die AOI will die Daten für ihre Kampagnenarbeit nutzen. Im Januar 2026 hatte sie gemeinsam mit ISM, AOP, der Society of Authors und Equity die Initiative „Brave New World? Justice for creators in the age of GenAI“ gestartet, die Rückmeldungen von mehr als 10.000 Kreativen bündelt. Deren CLEAR-Rahmen steht für Consent first, Licensing statt Scraping, ethische Trainingsdaten, Accountability sowie Vergütung und Rechte. Zusätzlich plant die AOI Leitfäden für Illustrator:innen, etwa zu KI-Klauseln in Verträgen, und für Auftraggeber:innen, etwa zum Umgang mit KI-Material im Briefing.

KI als Handwerkszeug statt Ideenquelle?
Wie sich diese Zahlen aus der Perspektive eines einzelnen Illustrators anfühlen, hat Roland Vorlaufer im Interview mit dem dpr beschrieben. Der Wiener Absolvent der Hochschule für Angewandte Kunst hat seit 2017 mehr als 100 Briefmarken für die Österreichische Post gestaltet und arbeitet unter anderem für den Red Bull Media Verlag. Sein eigenes Geschäft habe sich bislang kaum verändert, sagt er, doch er beobachte bei vielen Kollegen starke Auftragsrückgänge. Damit beschreibt er genau das, was die AOI-Zahlen nahelegen.
Vorlaufer setzt auf klassische, analoge Illustration, die nach wie vor gefragt sei, wenn es um „Begriffe wie Tradition, Seriosität, Vertrauen“ gehe. Paradox findet er, dass ausgerechnet KI eine Welle opulenter Ölmalerei-Imitate ausgelöst hat. Darin erkennt er „eine Sehnsucht nach Klassik und Substanz, die man glaubt, mit KI herbeizaubern zu können“. Die Technik selbst hält er für rückwärtsgewandt, weil sie aus dem kreativen Output der Vergangenheit gespeist werde, und für inhaltlich begrenzt: „KI hat keinen Humor.“
Spannend ist der Kontrast zu den AOI-Befunden. Dort klagen Illustrator:innen, sie würden auf die bloße Ausführung reduziert. Vorlaufer sieht die Rollen genau umgekehrt verteilt: „Im Falle der Illustration scheint mir die KI perfekt für die handwerkliche Erstellung von Bildern zu sein. Nicht mehr, nicht weniger.“ Die Bildidee bleibe menschlich. Dass Auftraggeber:innen das honorieren, glaubt er allerdings nicht: „Alle Medien, die bisher schon unwürdige Honorare gezahlt haben, werden auf KI-generierte Bilder umsteigen.“ Die 31 Prozent, die in der AOI-Umfrage von sinkenden Honorarerwartungen berichten, geben ihm recht.
Midjourney hat Vorlaufer aus Neugier abonniert, „faszinierend und schaurig zugleich“, genutzt hat er es kaum: „Wenn man zeichnen kann, fühlt es sich irgendwie absurd an, auf KI zurückzugreifen.“ Sollten seine Kund:innen umschwenken, will er noch konsequenter auf exklusive, persönliche Kunst wie Porträts setzen. Ein Selbstläufer ist auch das nicht: Im Feld der privaten Auftragsarbeiten berichten in der AOI-Umfrage 59 Prozent, dass Kund:innen KI statt einer Illustration gewählt haben.
Was hinter einem Bild steckt, muss sichtbar werden
Die AOI schließt ihren Report mit einem Gedanken, den auch Vorlaufer teilen dürfte: Illustration ist mehr als ein Output. Recherche, Ideen, Urteilsvermögen und eine eigene künstlerische Handschrift haben demnach einen eigenen Wert. Wer Illustrator:innen nur noch zum Nachzeichnen holt, verliere genau diesen Teil der Arbeit.
Der Report „AI and the Future of Illustration“ stützt sich auf 549 Antworten aus der AOI-Umfrage 2026 sowie auf 5.000 Antworten aus dem „AI and Copyright Consultation Survey for Illustrators“ von 2025. Beide Erhebungen sind getrennte Stichproben, keine Panelbefragung. Der Jahresvergleich der verlorenen Aufträge beruht auf derselben Kernfrage. Mehrfachnennungen bei Tätigkeitsfeldern und Formen der Unterrepräsentation waren möglich.

