Die Häuser rüsten auf, die Menschen bremsen
Die zweite Umfrage von BISG und BookNet Canada zur KI-Nutzung in der nordamerikanischen Buchbranche zeigt: Verlage und Bibliotheken setzen deutlich häufiger KI ein als vor einem Jahr, die individuelle Nutzung sinkt und die Bedenken nehmen zu.
Published: 29.10.2026 | Foto / Video: KI-generiert, Magnific
Ein Jahr reicht, um die Lage spürbar zu verschieben. 63 Prozent der Befragten geben inzwischen an, dass ihre Organisation KI einsetzt, 2025 waren es noch 48 Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil derer, die selbst KI für ihre Arbeit nutzen, von 46 auf 38 Prozent gefallen. Das ist der auffälligste Befund des Reports „AI Use Across the North American Book Industry 2026“, den die Book Industry Study Group (BISG) und BookNet Canada Ende September veröffentlicht haben. Grundlage sind 771 Antworten aus den USA und Kanada, erhoben im Juni und Juli 2026.
Das Bild, das die Studie zeichnet, ist das einer Branche, die KI zunehmend institutionell verankert, ohne dass die Menschen in ihr damit warm würden. Die Organisationen bauen Strukturen, Regeln und Werkzeuge auf. Die Einzelnen bleiben skeptisch, viele lehnen die Technologie aus ethischen Gründen ab.

Die Größe entscheidet
Kaum ein Faktor erklärt die Unterschiede so gut wie die Betriebsgröße. In Organisationen mit mehr als 100 Mitarbeitenden nutzen 88 Prozent KI, bei 51 bis 100 Beschäftigten sind es 64 Prozent, in Kleinstbetrieben mit zwei bis zehn Personen nur 42 beziehungsweise 43 Prozent. Kleine Häuser stehen der Technologie zudem häufiger aktiv ablehnend gegenüber: 42 Prozent der Betriebe mit zwei bis vier und 46 Prozent derer mit fünf bis zehn Beschäftigten raten intern von KI ab.
Auch zwischen den Sparten klafft eine Lücke. Bei Verlagen nutzen 61 Prozent der Organisationen KI, bei Bibliotheken sogar 71 Prozent. Unabhängige Buchhandlungen bilden das Schlusslicht: Nur elf Prozent setzen KI ein, 89 Prozent verzichten darauf.
Kontrolle statt Freigabe
Wer KI einführt, tut das meist mit angezogener Handbremse. Die häufigste Haltung (27 Prozent) ist, KI in kontrollierten Workflows oder für klar umrissene Aufgaben zu fördern. 22 Prozent der Organisationen befinden sich nach Angaben der Befragten noch in einer Erkundungsphase, 16 Prozent raten grundsätzlich ab. Uneingeschränktes Experimentieren erlauben lediglich acht Prozent.
Parallel dazu wächst die Governance. Fast die Hälfte der Befragten (49 Prozent) berichtet von einer offiziellen KI-Richtlinie in ihrer Organisation, nach 31 Prozent im Vorjahr. In Häusern mit mehr als 100 Beschäftigten liegt der Anteil bei 71 Prozent, und 74 Prozent dieser Organisationen haben ihre Regeln oder Abläufe im vergangenen Jahr angepasst. Die Richtung unterscheidet sich dabei nach Größe: Organisationen ab 50 Mitarbeitenden haben ihre Richtlinien fast ausschließlich so verändert, dass sie den Einsatz ermöglichen oder mit Leitplanken versehen. Kleinere Betriebe haben häufiger Regeln erlassen, die KI einschränken oder ablehnen. Inhaltlich betrafen die Änderungen vor allem das Lektorat (54 Prozent), die Manuskriptprüfung (27 Prozent) sowie Verträge, Rechte und Honorare (23 Prozent).
Eine Lücke zeigt sich beim Schutz geistigen Eigentums. Zwar sagen 39 Prozent, ihre Organisation setze bereits Strategien um, um die Rechte von Autor:innen und Illustrator:innen gegenüber KI-Unternehmen zu sichern. Fast ein Viertel (24 Prozent) weiß jedoch nicht, was der eigene Arbeitgeber in dieser Frage unternimmt. In Großunternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten ist es sogar ein Drittel (34 Prozent).
Wofür KI tatsächlich genutzt wird
Die Einsatzfelder sind bodenständig. Ganz vorn liegen administrative und operative Aufgaben (56 Prozent der Organisationen, 46 Prozent der Einzelnutzer:innen) sowie Marketing (54 bzw. 44 Prozent). Es folgen Datenanalyse, Metadaten- und Titeloptimierung sowie Recherche, die Einzelne häufiger mit KI erledigen (44 Prozent) als Organisationen (35 Prozent). Spezialisierte Anwendungen wie Rechte- und Lizenzmanagement, QA-Tests, Übersetzung oder KI-gesprochene Hörbücher spielen kaum eine Rolle.
Bei den Werkzeugen setzen Organisationen auf Enterprise-Modelle und KI-Funktionen in bestehender Software wie Microsoft 365 oder Google Workspace (je 61 Prozent). Einzelne greifen häufiger zu frei verfügbaren Standardversionen von ChatGPT, Gemini, Claude oder Perplexity (57 Prozent). Aus Datenschutzsicht bemerkenswert: Zwölf Prozent der professionellen KI-Nutzer:innen arbeiten mit privaten Accounts ohne Schutzeinstellungen, also etwa in Gratisversionen ohne Opt-out vom Training.
Wer KI nutzt, ist mit dem Ergebnis überwiegend zufrieden. 72 Prozent sagen, die Technologie habe ihre Effizienz oder Produktivität gesteigert. In den offenen Antworten berichten Befragte von automatisierter ONIX-Validierung, schnellerer BISAC- und Thema-Zuordnung, selbst gebauten Skripten und Makros oder KI als „Denkpartner“ für Präsentationen und Berichte. Viele betonen dabei, dass Manuskripte tabu bleiben. Die übrigen 28 Prozent beschreiben das Gegenteil: Die Zeit für Korrekturen, Prompt-Feinschliff und Lernkurve fresse den Gewinn wieder auf. Ein Distributor schildert, wie ein Tool bei der Metadatenoptimierung eines Theaterverlags BISAC-Codes systematisch falsch vergab.
Die Skepsis wächst schneller als die Nutzung
sorgen sich um die Genauigkeit KI-generierter Informationen
beschäftigt der Schutz von Autor:innen und ihrem geistigen Eigentum
Die Bedenken haben gegenüber 2025 nicht ab-, sondern zugenommen. Urheberrecht bleibt mit 86 Prozent das meistgenannte Risiko, unverändert zum Vorjahr. 80 Prozent fürchten negative Folgen für Urheber:innen, 79 Prozent sorgen sich um Umwelt und Nachhaltigkeitsziele. Beim Thema Nachhaltigkeit verzeichnet der Report den stärksten Anstieg aller Risikokategorien, die Zahl der Nennungen ist relativ um 44 Prozent gewachsen. Haftungsrisiken nennen 78 Prozent.
Noch deutlicher fallen die Vertrauensfragen aus. Jeweils 89 Prozent sorgen sich um die Genauigkeit KI-generierter Informationen und um eine Flut minderwertiger oder betrügerischer KI-Bücher auf Plattformen wie Amazon. 86 Prozent halten es für ein Problem, dass Leser:innen KI-generierte, KI-gestützte und menschliche Werke nicht unterscheiden können. Der Schutz von Autor:innen und ihrem geistigen Eigentum beschäftigt inzwischen 85 Prozent der Befragten, nach nur 44 Prozent im Vorjahr.
Diese Haltung prägt auch den Umgang mit Weiterbildung. 56 Prozent haben ethische Einwände gegen KI-Schulungen, 21 Prozent sogar dann, wenn diese für ihre Arbeit relevant oder vorgeschrieben wären. Aktiv nach Trainings suchen nur 18 Prozent. Unter den Selbstständigen ist die Ablehnung besonders ausgeprägt: 90 Prozent der Autor:innen, die mit Publikumsverlagen arbeiten, meiden KI in ihrer Arbeit, bei Übersetzer:innen sind es 80 Prozent, bei Illustrator:innen 75 Prozent.
Entsprechend zurückhaltend fällt das Votum zur Branchenstrategie aus. 79 Prozent finden, die Buchbranche solle die Entwicklung beobachten, ohne zwingend in die Umsetzung zu gehen. Nur 33 Prozent unterstützen eine vorsichtige Einführung. 57 Prozent stimmen sogar der Aussage zu, die Branche solle sich gar nicht mit KI einlassen, weil dies ihrem Auftrag widerspreche, menschliche Kreativität zu schützen.

Druck von oben, Zweifel unten
Die Spannung zwischen Organisation und Belegschaft lässt sich in den Daten gut nachzeichnen. In Häusern mit mehr als 100 Beschäftigten treibt die Führung nach Wahrnehmung der Befragten in 61 Prozent der Fälle die KI-Einführung aktiv voran. Auf Ebene der Kolleg:innen im eigenen Team sind es dagegen nur zehn Prozent, über alle Größenklassen hinweg zeigen 49 Prozent der Abteilungen kein Interesse an KI.
In den offenen Kommentaren äußern sich 57 Prozent der Angestellten und 73 Prozent der Selbstständigen überwiegend negativ. Mehrere Verlagsmitarbeiter:innen beschreiben einen ständigen, unterschwelligen Druck, KI für möglichst alles einzusetzen, ohne klare Vision, ohne Schulungen und ohne konkrete Anwendungsszenarien. Andere sehen durchaus Potenzial, um überlastete Teams von Routinearbeit zu entlasten, ziehen aber eine klare Grenze beim kreativen und lektoratsbezogenen Kern der Verlagsarbeit. Ein Kleinverlag dagegen schildert, wie KI die Assistenz ersetzt, die man sich schlicht nicht leisten kann.
Wie belastbar sind die Zahlen?
Bei der Interpretation ist Vorsicht geboten: Die Stichprobe ist von 521 auf 771 Antworten gewachsen und besteht zu 43 Prozent aus Selbstständigen, also aus besonders KI-kritischen Gruppen, sodass der Rückgang der individuellen Nutzung zumindest teilweise auf ein anderes Teilnehmerfeld zurückgehen dürfte. Zudem ist die Umfrage nicht repräsentativ, und wo der Report im Jahresvergleich von Prozent spricht, sind meist Prozentpunkte gemeint.
Vom Ob zum Wie
An der Grundrichtung ändern diese Einschränkungen wenig. Die Debatte habe sich deutlich nuancierter und pragmatischer entwickelt, sagt BISG-Geschäftsführerin Allison Belan. Organisationen prüften zunehmend, wo die Werkzeuge echten Mehrwert bringen, und legten mehr Gewicht auf Richtlinien, kontrollierte Abläufe und Risikomanagement.
Der Bedarf an Orientierung ist groß. Verlage wünschen sich vor allem Best Practices zu Recht und Regulierung einschließlich Transparenzpflichten und Urheberrecht (63 Prozent), zur Kennzeichnung von KI-Einsatz in Büchern (63 Prozent) und zur Entwicklung eigener KI-Richtlinien (61 Prozent). Bibliotheken priorisieren das Bestandsmanagement (76 Prozent), das angesichts schwer erkennbarer KI-Titel zur Herausforderung wird.
Die Autor:innen des Reports ziehen ein Fazit, das über Nordamerika hinaus Gültigkeit beansprucht: Die Frage sei nicht mehr, ob KI genutzt wird, sondern ob und wie sie verantwortungsvoll eingesetzt werden kann, und wie sich die Werte des Publizierens dabei schützen lassen. Weder reflexhafte Übernahme noch pauschale Ablehnung sei die richtige Antwort.
„AI Use Across the North American Book Industry 2026“
„AI Use Across the North American Book Industry 2026“ ist die zweite Ausgabe der jährlichen Erhebung von Book Industry Study Group (BISG) und BookNet Canada, hervorgegangen aus der Arbeit der BISG AI Working Group. Befragt wurden von Juni bis Juli 2026 insgesamt 771 Branchenangehörige, davon 63 Prozent in den USA und 37 Prozent in Kanada. 57 Prozent sind in Organisationen angestellt, 43 Prozent selbstständig. Unter den Angestellten arbeiten 54 Prozent in Verlagen und 16 Prozent in Bibliotheken. Der vollständige Report steht kostenlos im BISG Knowledge Center zum Download bereit.
Befragte
771 Branchenangehörige
Erhebung
Juni bis Juli 2026