„KI kann keine humoristischen Illustrationen generieren – sie hat keinen Humor“
Roland Vorlaufer, Illustrator und Briefmarken-Gestalter für die Österreichische Post, über KI-Bildgeneratoren, die Rückkehr zur Ölmalerei-Ästhetik und die Frage, warum klassisches Handwerk eine Renaissance erlebt

Published: 29.7.2026 | Foto / Video: KI-generiert, Magnific
In der Interview-Serie „KI-Wandel in Kreativberufen“ sprechen wir mit kreativen Köpfen aus der Publishing-Branche über die Auswirkungen von KI auf ihre Arbeit. Diesmal richten wir nun den Fokus auf visuelle Kreativberufe. Während Lektorinnen von verschlechterter Auftragslage berichteten, Übersetzerinnen die Grenzen von Wahrscheinlichkeitsberechnungen analysierten und Synchronsprecher:innen gegen KI-Training ihrer Stimmen kämpfen, zeigt sich in der Illustration ein anderes Bild: Neben verschlechterter Auftragslage zeigt sich bei Illustratoren, dass es Bereiche gibt, wo sogar klassische, analoge Illustration noch ihre Verwendung findet.
„Sehnsucht nach Klassik und Substanz“
KI als Konkurrenz oder Werkzeug: Wie verändert sich Ihr Berufsfeld? Welche konkreten Auswirkungen hat der Einsatz von KI-Bildgeneratoren und KI-Design-Tools auf Ihre tägliche Arbeit und Auftragslage? Wo sehen Sie KI als Bedrohung für Ihr Berufsbild, wo als sinnvolle Ergänzung im kreativen Prozess?
Mein persönliches Berufsfeld hat sich bislang kaum geändert, aber natürlich beobachte ich mein Umfeld und sehe, dass viele Kollegen starke Auftragsrückgänge haben. Ich habe immer auf eine gewisse Klassik gesetzt, dafür gibt es nach wie vor einen Markt. Will man zum Beispiel Begriffe wie Tradition, Seriosität, Vertrauen in visuellen Konzepten darstellen, eignet sich klassische, analoge Illustration immer noch sehr gut dafür. Interessant ist übrigens, dass ausgerechnet durch die KI recht häufig opulente Ölmalerei-Imitate zum Einsatz kommen, was zuvor für uns Illustratoren selten ein Thema war. Insofern lässt sich, wie bei allen technischen Neuerungen der letzten Jahrzehnte, beobachten, dass neue Technik neue Bildwelten mit sich bringt. Anhand dieses Beispiels lässt sich aber auch eine Sehnsucht nach Klassik und Substanz feststellen, die man glaubt, mit KI herbeizaubern zu können.
Kreativität versus Automatisierung: Was kann KI (noch) nicht leisten? An welchen Stellen zeigen sich die Grenzen von Midjourney und Co. in Ihrem Fachbereich? Welche kreativen und konzeptionellen Kompetenzen bleiben auch künftig unverzichtbar menschlich?
Ki scheint mir erstens etwas rückwärtsgewandt, was vielleicht unlogisch klingt. Aber da die KI mit Unmengen an kreativem Output der Vergangenheit gespeist wird, kommt auch nichts anderes dabei heraus, als ständige Wiederholungen der Vergangenheit. Weil KI zweitens zwar handwerklich, aber nicht bildinhaltlich kreativ zu sein scheint. KI kann zum Beispiel keine humoristischen Illustrationen (Cartoons) generieren, sie kann nur reproduzieren. KI hat keinen Humor. KI-Bildgeneratoren können also Inhalte nicht sehr überzeugend bildlich darstellen. Dafür braucht es offenbar (noch) menschliche Kreativität. Im Falle der Illustration scheint mir die KI perfekt für die handwerkliche Erstellung von Bildern zu sein. Nicht mehr, nicht weniger.
Die Zusammenarbeit mit Verlagen: Was muss sich ändern? Wie sollten Verlage und Medienschaffende im KI-Zeitalter mit kreativer, schaffender Arbeit umgehen? Welche neuen Anforderungen, Vergütungsmodelle oder Standards braucht es?
Diese Frage ist irrelevant, weil der Markt automatisch das tut, was Gewinn bringt. Es wird sich nichts ändern, auch wenn man es sich noch so sehr wünscht. Alle Medien, die bisher schon unwürdige Honorare gezahlt haben, werden auf Kl-generierte Bilder umsteigen. Werbeagenturen ersparen sich Unmengen an Honoraren für kreative Zulieferer wie Zeichner und Fotografen. Da das Publikum aber Hunger nach Künstlerpersönlichkeiten hat, glaube ich nicht, dass diese aufgrund des Einsatzes von KI verschwinden werden.
Midjourney: „faszinierend und schaurig zugleich“
Ihr persönlicher KI-Einsatz: Welche Tools nutzen Sie bereits? Setzen Sie selbst KI-Anwendungen in Ihrer kreativen Arbeit ein? Wenn ja, wofür konkret? Wenn nein, warum nicht?
Ich habe ein Midjourney-Abo aus Neugier und um zu erfahren, was mit KI alles anzustellen ist. Es ist faszinierend und schaurig zugleich. Genutzt habe ich es kaum, fallweise als Inspiration für Stilistik oder Komposition, wenn ich selber nicht weiterwusste. Aber wenn man zeichnen kann, fühlt es sich irgendwie absurd an, auf KI zurückzugreifen.
Zukunftsperspektive: Wie sichern Sie Ihre kreative Relevanz? Welche Strategien verfolgen Sie persönlich, um im KI-geprägten Markt bestehen zu können? Wo sehen Sie Ihr Berufsfeld in fünf Jahren – und welche Rolle spielt dabei die menschliche kreative Vision?
Ich habe zum Glück Kunden, die auf menschliche Kreativität setzen, weil es zu ihrem Erscheinungsbild passt und die sich Illustratoren wie mich auch noch leisten können. Wie lange das noch gut gehen wird, weiß ich nicht. Ich habe jedenfalls nicht vor, von meiner Arbeitsweise Abstand zu nehmen und werde daher versuchen, Kunden zu akquirieren, die weiterhin auf klassische Illustration setzen. Ich persönliche habe ja nicht einmal den Schritt zur digitalen Arbeitsweise hin gemacht, sondern bin bei klassischem Handwerk geblieben – Farbe auf Papier. Sollten meine Kunden aber allmählich umschwenken, werde ich noch radikaler meinen Weg gehen und Kundschaft ansprechen, die ganz persönliche, exklusive Kunst suchen (z.B. Porträt).

Roland Vorlaufer, geboren 1967, ist Illustrator mit stilistisch breit gefächertem Oeuvre. Nach seinem Studium an der Hochschule für Angewandte Kunst publizierte er in Magazinen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Seit 2017 hat er mehr als 100 Briefmarken für die Österreichische Post AG gestaltet. Seit 2010 ist er auf Porträtzeichnungen spezialisiert und arbeitet unter anderem für den Red Bull Media Verlag.
Roland Vorlaufer ist Mitglied bei AUSTRIAN ILLUSTRATION, einem Verein mit dem Ziel, in Österreich lebende Illustrator·innen, Animator·innen und 3D-Designer·innen zu unterstützen, zu vernetzen und zu fördern.
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