„Ich habe die menschlichen Superkräfte Urteilskraft und Einfühlungsvermögen“

Lektorin und Texterin Henrike Doerr: Warum KI-generierte Inhalte lediglich eine Grundlage zum Brainstorming sind.

In einer Zeit, in der Künstliche Intelligenz Texte in Sekundenschnelle produziert, stellt sich die Frage nach dem bleibenden Wert professioneller Texter:innen und Lektor:innen. Henrike Doerr, selbst Texterin und freie Lektorin, findet darauf eine klare Antwort: KI mag zwar die Masse bedienen, doch für echte Qualität brauche es den Menschen. Im Interview erklärt sie, warum automatisierte Lösungen bei ihr oft mehr Arbeit verursachen als sie einsparen und weshalb sie sich in Zukunft bewusst im „Premium-Segment“ positioniert.

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Welche konkreten Auswirkungen hat der Einsatz von KI-Tools auf Ihre tägliche Arbeit und Auftragslage? Wo sehen Sie KI als Bedrohung für Ihr Berufsbild, wo als sinnvolle Ergänzung?

Als Texterin für Unternehmenskommunikation stelle ich fest, dass viele meiner Unternehmenskunden versuchen, selbst Texte mit KI zu erstellen. Teilweise werde ich nicht mehr beauftragt, teilweise soll ich KI-Texte überarbeiten. Arbeite ich mit Marketingagenturen zusammen, geben die den Preisdruck an mich weiter. Es sind allerdings auch schon Kunden zu mir zurückgekommen, weil sie mit den KI-Ergebnissen unzufrieden waren. Das ist jedoch leider noch die Ausnahme. Im Lektorat konnte ich bisher weniger Einfluss der KI feststellen. Allerdings biete ich auch selten reine Korrektorate an. Meistens überarbeite ich Texte sprachlich intensiv. Hier ist der Einsatz von KI selten ein Effizienzgewinn. Zudem würde bei der ausschließlichen Textbearbeitung mit KI der zwischenmenschliche Austausch fehlen, auf den meine Kundschaft Wert legt. Mein drittes Standbein sind Workshops, die ich anbiete. Hier ist der Bedarf an KI-Themen stark angestiegen. Ich werde nicht müde darauf hinzuweisen, dass KI nur so gut ist, wie der Mensch, der sie bedient. Wie das sinnvoll aussehen kann, zeige ich in meinen Workshops.

„Ich muss immer nacharbeiten“

An welchen Stellen zeigen sich die Grenzen automatisierter Lösungen in Ihrem Fachbereich? Welche Kompetenzen bleiben auch künftig unverzichtbar menschlich?

In keinem Arbeitsbereich konnte ich bisher feststellen, dass mir KI Arbeit abnimmt. Dafür ist sie viel zu unzuverlässig und die Ergebnisse nicht gut genug. Selbst bei Aufgaben, die stark auf Regeln basieren – etwa das Korrektorat –, sind die Ergebnisse selbst auf das Korrektorat spezialisierter KIs mangelhaft. Das bedeutet: Ich muss immer nacharbeiten. Gleiches gilt für die Texterstellung. Mit KI generierte Texte erkennt man mit ein wenig Übung sofort. Sie klingen zu glatt, variieren sprachliche Muster zu wenig, setzen inhaltliche Schwerpunkte nicht differenziert genug und haben die Zielgruppe zu wenig im Blick. Will ich mit KI schreiben, muss ich als Mensch vorher genau analysieren, welche Infos in welcher Tonalität mit welchem Mehrwert für eine bestimmte Zielgruppe relevant sind. Als Mensch muss ich also umfangreiche Vorarbeiten leisten, geschickt prompten, um dann eventuell ein Ergebnis zu erhalten, dass mir gerade mal als Grundlage fürs Brainstorming genügt. KI-Texte reichen nicht an Texte von Schreibprofis heran. Gleiches gilt für das Lektorat. Um ein fachlich fundiertes Lektorat durchführen zu können, muss ich nicht nur inhaltlich in der Materie stecken, sondern auch die Zielgruppe genau kennen. Nur so kann ich beurteilen, wie treffend gewählte Schwerpunkte sind, wie angemessen der Schreibstil, wie gut verständlich oder packend eine Textpassage ist. Als Mensch habe ich einen unschlagbaren Vorteil vor der KI: Ich habe die menschlichen Superkräfte Urteilskraft und Einfühlungsvermögen. Beides geht der KI ab, sie generiert Ergebnisse ausschließlich nach Wahrscheinlichkeit. Damit reproduziert sie Erwartbares. Manchmal ist die überraschende Abweichung aber viel zielführender. Ich kann das als Mensch und Textprofi erkennen und anmerken. Die KI nicht. Zu guter Letzt kann ich all das im Dialog mit den Autor:innen und Auftraggebenden erklären. So hat Lektorat stets etwas mit Schreibcoaching zu tun, wenn die Kundschaft das denn möchte. Durch die KI entwickeln wir unser menschliches Schreiben nicht weiter. Im Gespräch mit mir als Lektorin schon.

Wie sollten Verlage mit Ihnen als Dienstleister im KI-Zeitalter umgehen? Welche neuen Anforderungen, Vergütungsmodelle oder Vertragsstandards braucht es?

Arbeit am Text ist stets vielschichtig und umfassend. Das sollte sich unabhängig von KI im Honorar niederschlagen. Keinesfalls sollten die Honorare wegen des Einsatzes von KI sinken. KI spart keine Zeit. Habe ich es mit KI-Texten im Lektorat zu tun, kostet mich das sogar mehr Zeit: Die Texte sind meistens nicht konsequent auf eine Zielgruppe ausgerichtet, sie sind vorhersehbar und wenig originell, sprachlich langweilig, wiederholen die immer gleiche syntaktische Struktur, bleiben nicht in sprachlichen Bildwelten und halten Tonalitäten nicht durch. Und das sind nur einige der sprachlichen Mängel. Hinzu kommen die hinlänglich bekannten Schwächen im Bereich der sogenannten Halluzination und kognitiven Verzerrung. Das heißt, Aussagen und Fakten sind oft falsch (was entgegen der Annahme übrigens eher schlimmer als besser geworden ist, was Studien belegen) und bestehende Vorurteile werden sprachlich manifestiert. Wenn ich KI-Texte überarbeiten muss, bleibt kaum ein Stein auf dem anderen. Zeitersparnis sieht anders aus.

Setzen Sie selbst KI-Anwendungen in Ihrer Arbeit ein? Wenn ja, wofür konkret – und mit welchen Erfahrungen? Wenn nein, warum nicht?

Ich benutze KI vor allem für das Brainstorming beim Texten, etwa um eigene Themenideen für eine Zielgruppe zu ergänzen. Das Korrektorat führe ich ausschließlich ohne KI durch. Keines der getesteten Tools hat mich überzeugt. Manchmal nutze ich ChatGPT oder Perplexity für eine erste Recherche und lasse mir dabei Quellen nennen. Selbstverständlich muss alles überprüft werden. Für Umformulierungen nutze ich KI insgesamt wenig. Meistens bin ich einfach schneller ohne KI, zumal mich das Ergebnis selten überzeugt und nur eine Arbeitsgrundlage für weitere Überarbeitungen ist.

„Die Massen rennen zu den billigen Ketten“

Welche Strategien verfolgen Sie persönlich und Ihr Berufsverband, um im KI-geprägten Markt bestehen zu können? Wo sehen Sie Ihr Berufsfeld in fünf Jahren?

Ich betone meinen Mehrwert als Mensch, meine Kreativität, mein Urteilsvermögen und Kontextverständnis und die Fähigkeit, Änderungen nachvollziehbar und empathisch zu erklären. Außerdem trage ich das Siegel menschliche Intelligenz, um meinen verantwortungsvollen Umgang mit KI herauszustreichen.

Mir ist allerdings klar, dass die Konkurrenz anziehen wird. Ich sehe auch in Zukunft Bedarf an Lektor:innen und Texter:innen. Allerdings wird es vermutlich so sein wie bei der Mode: Die Massen rennen zu den billigen Ketten. Wer auf exklusive Qualität Wert legt, geht zu den Designerboutiquen. Beides existiert nebeneinander und hat einen Markt. Ich positioniere mich da eher bei den Luxusmarken, denn ich biete maßgeschneiderte Dienstleistungen von höchster Qualität. Dafür bespreche ich die Anliegen meiner Kundschaft genau, damit sie am Ende den Text erhalten, den sie sich wünschen. Aber klar: Der Markt wird härter umkämpft sein, denn viele Menschen begnügen sich mit Wegwerfware.

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Henrike Doerr (text-welten) ist freiberufliche Lektorin und Texterin für Unternehmenskommunikation. Ihre Erfahrung gibt sie als Trainerin in Workshops weiter.