„Wird ausschließlich KI genutzt, fehlt dem Text die Seele“

Lektorin und Texterin Katharina Zeutschner: Warum KI-generierte Inhalte fachliche Expertise erst recht unverzichtbar machen.

In einer Zeit, in der generative KI die Erstellung von Inhalten demokratisiert, wandelt sich das Berufsbild von Textprofis grundlegend. Während die reine Quantität an Texten zunimmt, gerät die Qualität oft unter Druck. Katharina Zeutschner, Gründerin von Textwerker24, beleuchtet im Interview das Spannungsfeld zwischen Effizienz und Authentizität. Sie erklärt, warum Transparenz heute ein entscheidender Wettbewerbsvorteil ist, weshalb „Wahrscheinlichkeitstexte“ echtes Fachwissen nicht ersetzen können und wie sie sich im Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VfLL) für einen kompetenten Umgang mit der neuen Technologie einsetzt.

Lesen Sie auch die Interviews mit Henrike Doerr & Marion Voigt

Welche konkreten Auswirkungen hat der Einsatz von KI-Tools auf Ihre tägliche Arbeit und Auftragslage? Wo sehen Sie KI als Bedrohung für Ihr Berufsbild, wo als sinnvolle Ergänzung?

Als freie Lektorin und Texterin bin ich vorwiegend im Bereich Produkt- und Unternehmenskommunikation tätig. Insgesamt hat sich die Auftragslage durch die Nutzung von Generativer KI für Endnutzer zusammen mit der angespannten wirtschaftlichen Lage klar verschlechtert. Einerseits. Andererseits ist es mir durch den Aufbau eigenen KI-Know-hows gelungen, Expertise in einem neuen Geschäftsbereich aufzubauen. Ich verbinde nun meine fachliche Text-Expertise mit der professionellen Nutzung von KI. Gegenüber meinen Kunden ist mir Transparenz wichtig, also das Markieren von Inhalten, die mit KI bearbeitet wurden. Insofern ist KI Gefahr, aber auch Chance.

„KI-generierte Texte sorgen für Austauschbarkeit“

An welchen Stellen zeigen sich die Grenzen automatisierter Lösungen in Ihrem Fachbereich? Welche Kompetenzen bleiben auch künftig unverzichtbar menschlich?

Die Grenzen zeigen sich dort, wo rein KI-generierte Texte für Austauschbarkeit sorgen. Darüber hinaus brauche ich beim Umgang mit diesen Texten mehr solides Fachwissen, um Fehler oder Falschaussagen treffsicher aufzuspüren. Stammt ein Text von einer Expertin mit 20 Jahren Erfahrung, kann ich der fachlichen Tiefe vertrauen. Ganz anders ist das mit einem KI-generierten „Wahrscheinlichkeitstext“ zum gleichen Thema.

„Es geht darum, gemeinsam Prozesse unter veränderten Bedingungen neu zu denken“

Wie sollten Verlage mit Ihnen als Dienstleister im KI-Zeitalter umgehen? Welche neuen Anforderungen, Vergütungsmodelle oder Vertragsstandards braucht es?

Transparenz im Umgang mit KI ist enorm wichtig sowie das Zutrauen der Auftraggebenden in die fachlich-menschlichen Kompetenzen ihrer Dienstleister. Wünschenswert wäre, dass erkannt wird, wie wichtig gerade jetzt das Prinzip „Human in the Loop“ ist, um die Qualität hoch zu halten. Es geht nicht um das Ersetzen von Dienstleistung, sondern darum, gemeinsam Kompetenzen aufzubauen und Prozesse neu zu denken.

Setzen Sie selbst KI-Anwendungen in Ihrer Arbeit ein? Wenn ja, wofür konkret – und mit welchen Erfahrungen?

Im Abo nutze ich ChatGPT 5, den Chatbot Claude sowie Perplexity für Recherchen. DeepL Pro verwende ich für schnelle Übersetzungen. Inhaltlich benötige ich die Tools als Stichwortgeber und als Vorbereitung für Texte, die nach Struktur verlangen. Als ausgebildete Werbetexterin hat mich bisher jedoch noch keine KI von guten Claims und Slogans überzeugen können. Hier stoßen die Bots an ihre Grenzen und reproduzieren fantasielose Wiederholungen.

„Wer vorher kein Experte für Sprache war, wird dies auch durch KI nicht“

Welche Strategien verfolgen Sie persönlich und Ihr Berufsverband, um im KI-geprägten Markt bestehen zu können? Wo sehen Sie Ihr Berufsfeld in fünf Jahren?

Ich sichere meine Relevanz durch den Aufbau von KI-Expertise als Zusatzangebot. Klar ist: Wer vorher kein Experte für Sprache und Kommunikation war, wird dies auch durch KI nicht. Wird ausschließlich KI genutzt, fehlt dem Text die Seele. Im Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VfLL) engagiere ich mich ehrenamtlich in der AG Künstliche Intelligenz. Unser Ziel ist es, Kolleginnen über Chancen und Gefahren zu informieren. In diesem Jahr haben wir dazu den Wegweiser „Künstliche Intelligenz im freien Lektorat“ sowie eine KI-Tool-Liste herausgebracht.

Katharina-Zeutschner

Katharina Zeutschner ist Gründerin von textwerker24 und seit fast zwei Jahrzehnten als Texterin und Lektorin tätig. Sie verbindet sprachliche Präzision mit digitalem Verständnis und begleitet Unternehmen dabei, komplexe Themen verständlich aufzubereiten. Zudem engagiert sie sich in der AG Künstliche Intelligenz des VfLL