„Wer auf fertige Prompts setzt, hat KI nicht verstanden“
Dominik Ruisinger, Journalist und PR-Berater, über Haltung, Prompten und Authentizität beim Schreiben mit KI.
Published: 9.7.2026 | Photo / Video: AI generated, Magnific
Der Einzug generativer KI revolutioniert die Medien- und Kommunikationsbranche, doch viele Unternehmen verwechseln den technologischen Wandel mit einer reinen Software-Anschaffung. In diesem Interview erklärt der Journalist und PR-Berater Dominik Ruisinger, warum starre Prompts in einer dynamischen KI-Welt versagen und weshalb der strategische Einsatz von Künstlicher Intelligenz längst zu einer zentralen Führungsaufgabe geworden ist. Er zeigt auf, wie Publisher durch systematische Frameworks und qualitativen Tiefgang in modernen Suchmaschinen sichtbar bleiben – und warum die unverwechselbare Stimme, Haltung und Persönlichkeit menschlicher Autorinnen und Autoren gerade im Zeitalter der Austauschbarkeit den entscheidenden Unterschied ausmachen.
KI-Kultur statt Tool-Auswahl: Viele Verlage investieren in KI-Tools, aber kaum in die Haltung, die ihre Teams entwickeln sollen. Was sind die teuersten Fehler, die Sie dabei beobachten?
Der teuerste Fehler ist die hier angesprochene Tool-Denke. Viele Unternehmen schaffen sich immer wieder neue Tools an. Viel wichtiger aber ist: KI muss strategisch eingeführt werden. Mit regelmäßigen Schulungen – je nach Tiefe für das Team und auch alle weiteren Mitarbeitenden –, da sich die Themen, die Tools, die Anforderungen regelmäßig verändern. Der Einsatz von KI ist damit auch zu einem Führungsthema geworden.
Prompten als Kompetenz: Wenn Sie eine Redaktion in zwei Stunden auf besseres Prompten trimmen müssten: Welche Methode würden Sie priorisieren, und warum?
Wer auf fertige Prompts setzt, hat KI nicht verstanden. Denn mit jeder Weiterentwicklung der KI-Tools ändern sich die Anforderungen. Viel wichtiger ist es, sich ein individuelles Framework anzueignen und sein Prompten konsequent an diesem auszurichten. Wir arbeiten mit dem KREATIV-Framework aus dem Buch: Dazu definieren wir Schritt für Schritt zuerst Kontext und Absicht, dann Rolle und Perspektive, Empfänger und Ton, Aufbau und Format, Themen und Inhalte sowie Inspiration und Beispiele als Orientierung, bevor wir den Beitrag in einem iterativen Prozess immer weiter verfeinern. Es geht darum, systematisch eine Problemstellung beschreiben zu können und in einen Prompt zu übersetzen.
Sichtbarkeit im KI-Zeitalter: Google verliert Marktanteile an KI-Antwortmaschinen wie Perplexity oder ChatGPT Search. Was müssen Publisher heute anders schreiben, damit ihre Inhalte in der neuen Suchrealität noch eine Rolle spielen?
Wer sich bereits früher beim Texten mit SEO beschäftigt hat, hat heute Vorteile. Schon immer haben Suchmaschinen auf wertvolle, glaubwürdige Inhalte mit Mehrwert gesetzt. In KI-Zeiten müssen Publisher Inhalte so gestalten, dass sie von KI-Systemen verarbeitet und als Antwort ausgespielt werden. KI-Systeme suchen nach kontextueller Relevanz, ob Inhalte der Suchintention entsprechen. Eine Sichtbarkeit hängt folglich von der lesbaren Struktur, der qualitativen Content-Tiefe, dialogischen Formaten sowie der Glaubwürdigkeit des Absenders ab, ob Sprachmodelle Inhalte als relevant einstufen. Oberflächliche Antworten wird die KI selbst geben können.
Ethik und Recht beim KI-Schreiben: Welche Verantwortung tragen einzelne Autor:innen und Redakteur:innen beim Einsatz generativer KI?
Sie müssen Verantwortung auf zwei Ebenen tragen: Beim Input sollten sie nur Inhalte in die Suchmaske eingeben, an denen sie die Rechte haben bzw. die keine fremden Rechte verletzen. Persönliche Daten und unveröffentlichte Fakten sind hier tabu. Beim Output sollten sie Ergebnisse niemals 1:1 übernehmen. Denn KI ist eine Wahrscheinlichkeitsrechnung und liefert keine automatische Wahrheit. Dieser verantwortungsvolle Umgang beim Input und Output ist klar zu regeln. Dass KI-erzeugte Bilder und Videos markiert werden müssen, muss hoffentlich hier nicht weiter erwähnt werden.
Authentizität in KI-Texten: KI kann inzwischen Stil imitieren, Tonalität anpassen und Erfahrungsberichte simulieren. Wo liegt für Sie die Grenze, ab der ein Text nicht mehr authentisch ist? Und hat das für Verlage praktische Konsequenzen?
Mit Hilfe von KI erstellte Texte wirken häufig routiniert, aber beliebig, lesen sich korrekt, aber oft austauschbar, wirken smart, aber unnahbar. Denn die KI hat keine eigene Stimme. Und sie ersetzt damit nicht das, was einen Menschen unverwechselbar macht: seine Haltung, seinen Tonfall, seine Persönlichkeit. Erst originelle Perspektiven, persönliche Learnings, ausdrucksstarke Meinungen und klare Haltungen erzeugen echte Bindung an den Text und Vertrauen in den Autor bzw. die Autorin. Nur Texte, die berühren, begeistern, fesseln, ärgern, emotional treffen, werden sie dazu motivieren, zu lesen, zu kommentieren, zu speichern und sie mit anderen zu teilen. Für einen Verlag bedeutet dies: Erst in einem engen Zusammenspiel und einem iterativen Prozess gemeinsam mit der KI lassen sich bessere Inhalte texten, die mehr als purer Content sind. Wer sich rein auf die KI verlässt, wird weitere Leserinnen und Leser verlieren.

Dominik Ruisinger ist gelernter Journalist, ausgebildeter PR-Berater und zertifizierter Stiftungsmanager. Seit den 1990er-Jahren beschäftigt er sich mit den Veränderungen in der Medien- und Kommunikationsbranche mit Fokus auf digitale Kommunikation, integrierte Strategien und moderne Textformen. Er coacht Unternehmen, Institutionen und Stiftungen, leitet Workshops an Hochschulen und schreibt täglich Texte.
Kürzlich erschien das Buch „Besser Texten mit Kopf und KI“, ein Leitfaden für ein KI-gestütztes Schreiben, den Ruisinger gemeinsam mit Kai Heddergott für Redaktionen, Agenturen, Unternehmen oder selbstständige Autor:innen verfasste.