Schluss mit der KI-Hexenjagd!
Warum das Publishing seine Seele nur durch Mut zu Kanten, Transparenz und gelebte Verantwortung verteidigt. Von Daniel Lenz

Published: 29.6.2026 | Foto / Video: KI-generiert, Magnific
Die Verheißungen der Generativen KI klingen wie das perfekte Märchen für eine unter wirtschaftlichem Druck stehende Branche: Content auf Knopfdruck, fehlerfreier Code in Sekundenschnelle und eine radikale Zeitersparnis. Doch die aktuelle Debatte führt uns eine schmerzhafte Wahrheit vor Augen: Das Problem ist nicht die KI-Technologie an sich. Auch nicht die Lücken bei der KI-Detektion. Sondern die menschliche Bequemlichkeit, fehlende Transparenz – der fatale Trend, nicht nur Aufgaben an Algorithmen zu übertragen, sondern die verlegerische und redaktionelle Verantwortung gleich mit abzugeben.
KI für Publisher hat unglaubliche Vorteile. Gerade bei der Analyse komplexer Daten, der Zusammenfassung von Studien, auch beim Ideen-Sparring ist sie für uns unerlässlich. Das Problem ist, wie so oft, eines von Maß und Mitte. Wer glaubt, durch den blinden Verlass auf die Maschinen eine elegante Abkürzung gefunden zu haben, um möglichst viel zu produzieren, den eigenen Output auf Teufel komm raus zu steigern, droht im digitalen Treibsand zu versinken. Wenn wir die menschliche Kontrolle zugunsten reiner Geschwindigkeit opfern und das Steuer loslassen, fluten wir die Kanäle mit „AI Slop“, wie Simea Merki im dpr magazin ausführt: generischem digitalem Beifang, der zwar die SEO-Ampeln auf Grün schaltet, aber bei der Empfänger:in keinerlei Resonanz mehr erzeugt. Ob instabiler Code durch ungeprüftes „Vibe Coding“ oder leblose KI-Massenware in Textform – das System scheitert in dem Moment, in dem der Mensch aus dem Cockpit steigt und sich zum reinen Passagier degradiert. Wir sparen freilich viel Zeit, aber wir verspielen unsere Relevanz, weil niemand mehr für das Endprodukt einsteht.
Auf der anderen Seite der Skala von Maß und Mitte sind die Versuche einzuordnen, das Problem per KI-Hexenjagd zu unterbinden. Aktueller Fall: Der „Tagesspiegel“ hat gerade Ex-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff von seinen Aufgaben entbunden, weil er Kommentare von der KI hat schreiben lassen, ohne dies zu kennzeichnen.
Solch ein Vorgehen ist gleich mehrfach fragwürdig:
Bei der KI-Spurensuche werden oft KI-Detektoren eingesetzt, die leider oft mathematisch auf ganzer Linie versagen, wie kürzlich ein Test des US-Autorenverbands zeigte. Sie bestrafen mitunter sprachliche Eleganz, weil hochgradig geschliffene, professionelle Prosa dieselbe statistische Signatur aufweist wie das optimierte Produkt einer KI.
Verlage zeigen mit einem solchen Vorgehen oft eine Doppelmoral, wie Mark Williams kürzlich bei uns in seinem Artikel „The hand that feeds“ aufzeigte: Sie argumentieren in der Öffentlichkeit oft moralisch gegen den Einsatz Künstlicher Intelligenz bei ihren Autor:innen, setzen KI und Automatisierung intern aber massiv ein, um Kosten einzusparen und womöglich menschliche Arbeitskräfte zu ersetzen.
Plädoyer für Transparenz
Anstatt eine paranoide Hexenjagd auf jeden vermeintlichen KI-Satz zu veranstalten und eine Kultur des Generalverdachts zu schüren, müssen wir einsehen: Das Motto der Stunde lautet nicht „KI verbieten“, sondern produktiv einsetzen, offenlegen und erklären, wie und wo KI-Technologie im redaktionellen Prozess als Assistenz genutzt wurde (woran wir vom dpr ebenfalls arbeiten).
„Assistenz“ ist dabei entscheidend. Denn der blinde Glaube an den Algorithmus führt sehr oft in eine Sackgasse. Großsprachmodelle tun konstruktionsbedingt genau eines: Sie berechnen das statistisch Nächstwahrscheinliche. Sie glätten Kanten, füttern den Mainstream und eliminieren das Unerwartete. Doch interessante Literatur, packender Journalismus leben vom Gegenteil. Sie leben vom Unwahrscheinlichen, vom Brüchigen, vom „edgy“-Sein. Spannend sind die Überraschungen, die Reibung, der sprachliche Regelbruch, den keine KI der Welt vorausahnen kann – noch zumindest nicht. Am Ende dieses digitalen Standardisierungs-Booms wird sich genau das wieder durchsetzen: das Kantige, das Unbequeme, das zutiefst Menschliche. Das Gegenteil von „AI-Slop“.
Dies soll nicht auf eine pauschale Aufwertung menschlicher Kreativarbeit hinauslaufen – im Zweifel machen Menschen deutlich mehr Fehler als die KI, und immer häufiger überraschen Claude & Co. mit kreativen Ideen, die man eher von Menschen erwartet hätte. Ohnehin werden sich in unserem Geschäft womöglich zwei Qualitätsstufen herauskristallisieren (Nathan Hull hat dies bei uns für den Audiomarkt einmal herausgearbeitet): die schnell generierte, vielleicht erwartbare KI-Produktion neben der aufwendigeren kreativen Manufaktur, bei der der Mensch seine „radikale Originalität“ (Nathan Hull) ausspielt. Beide Formate haben ihre Existenzberechtigung. Und bei beiden Ansätzen ist ein „Human in the Loop“ entscheidend, um „AI Slop“ zu vermeiden. Nehmen wir das Steuer wieder selbst in die Hand.
Daniel Lenz ist Chefredakteur und Co-Geschäftsführer des dpr
