KI verteilt Macht neu. Wer steuert mit?
Petra Schwegler über den AI Summit der MEDIENTAGE München | MediennetzwerkBayern
Published: 5.11.2026 | Foto: Medientage München
Ein Minister warnt vor dem „Kill Switch“, eine Philosophin vor blindem Vertrauen, ein Medienmanager zeigt live, wie Bots Werbung kassieren. Der AI Summit der MEDIENTAGE München macht deutlich: Wer Souveränität, Vertrauen und Kontrolle über KI nicht selbst gestaltet, überlässt die Regeln anderen.
„KI ist nicht irgendein disruptiver Technologiesprung, sondern die industrielle Revolution unserer Zeit.“ Mit diesem Satz eröffnet Dr. Fabian Mehring, Bayerischer Staatsminister für Digitales, den AI Summit der MEDIENTAGE München. Er warnt: KI verteilt Macht und Wohlstand neu, verändert Arbeit und Leben und fordert Medien in ihrer demokratischen Rolle heraus. Denn sie müssen die Gesellschaft auf diesem Weg begleiten. Die Leitfrage des Summits: Wem gehört die KI?
Souveränität statt Kill Switch
Mehring formuliert drei Gedanken.
Erstens braucht Europa digitale Souveränität, um Freiheit, Datenschutz und freie Märkte zu schützen. KI dürfe kein „Kill Switch“ werden, der über Nacht den Stecker zieht.
Zweitens müssen Medien ihren qualitätsgeprüften Journalismus in einen digitalen Raum übertragen, in dem Algorithmen die Meinungsbildung steuern, und die Menschen über Chancen und Risiken der Technologie aufklären.
Drittens steht die Refinanzierung auf der Agenda, denn die Wertschöpfung aus journalistischen Inhalten landet zunehmend bei den großen Plattformen. Mehring fordert europäischen Mut und eine Abgabe von zehn Prozent für digitale Plattformen. Europa dürfe nicht zum Zulieferer der US-Hyperscaler werden.
Die Vertrauenslücke wächst
Professor Shannon Vallor (großes Foto), Technologiephilosophin am Edinburgh Futures Institute, beschreibt den „AI Trust Gap“. Er betrifft Medien, Handel, Politik, Bildung und Gesundheit gleichermaßen: KI wird überall stärker genutzt, gilt aber als nicht vertrauenswürdig. Organisationen geraten dadurch in einen Zwiespalt:
Wer auf eine KI-Strategie verzichtet, verliert Kompetenz.
Wer AI-first agiert, verspielt Akzeptanz bei Kunden und Beschäftigten. Die Führung muss nach außen KI als Wachstumschance präsentieren und nach innen Teams professionalisieren und lotsen.
Auch menschliche Kontrolle genügt selten, weil Menschen, die kognitive Arbeit an Maschinen abgeben, Fähigkeiten und Urteilskraft einbüßen. Vallors Rat: KI schätzen, ihr aber nicht vertrauen, sondern sie nutzen, um Expertise aufzubauen. „Vertrauenswürdige KI heißt nicht, dass die KI an sich vertrauenswürdig ist.“
Eigene Wege, harte Realität
In der anschließenden Runde zeigen Tech-Branche, Medien und Politik, wie sich der Wandel gestalten lässt. Rebecca Gottwald, Chief AI Officer bei Burda Media, stellt Aissist vor, eine Art KI-Betriebssystem, das alle Mitarbeitenden nutzen, statt für jede Aufgabe ein eigenes Tool anzusteuern. Jörg Bienert vom Center for Sovereign AI und Andreas Schepers vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz erläutern Soofi: Die deutsche und europäische Initiative fördert quelloffene KI-Basismodelle und will Know-how, Talente und Infrastruktur aufbauen, um die Abhängigkeit von den USA und China zu verringern.
Wie schwer das gelingt, belegt Lutz Mache von Google mit einer Zahl: Der Konzern investiert allein in diesem Jahr 2,5 Milliarden US-Dollar in Forschung, Entwicklung und Rechenzentren. Zugleich versteht sich Google als wichtiger KI-Partner deutscher Medienhäuser und hat mit 880 Publikationen Verträge zum Leistungsschutzrecht geschlossen.
Alexandra Geese, Abgeordnete im Europäischen Parlament, kritisiert die Plattformkonzerne scharf: Ihre Algorithmen belohnen Interaktion, bevorzugen empörende Posts und verdrängen Medien, die nach journalistischen Kriterien arbeiten. Ausnahmeregeln für Medien lösen das Problem nicht. Das Prinzip der Interaktionsoptimierung selbst muss weg.
Der AI Summit macht deutlich: Souveränität, Vertrauen und Kontrolle entscheiden darüber, ob Medien KI gestalten oder von ihr gestaltet werden.
Wenn Maschinen schreiben, lesen und messen
Wie schnell sich künstliche Inhalte und täuschend echter Traffic skalieren lassen, demonstriert parallel zum AI Summit Norman Wagner, Managing Director bei Pion3ers, live auf der Bühne. Seit Ende Dezember 2025 betreibt er eine vollautomatisierte KI-Redaktion, die Tausende Artikel, zahlreiche E-Paper-Ausgaben und Podcasts produziert, für vier Cent pro Artikel.
Mit dem Publikum lässt er das System arbeiten, GEO-optimierte, bebilderte Artikel entstehen und zeigt, wie Adtech-Systeme Bots für menschliche Nutzer halten und Werbung ausspielen: „Selbst Bots, die sich als Bot ausweisen, bekommen Werbung.“ Agentische KI überlistet Werbeserver, und smarte TV-Geräte liefern mit ihren IP-Adressen die Tarnkappe.
Wagner kennt das Problem aus dem Markt: Vermarkter und Agenturen scheuen für ihre Kund:innen Nachrichtenumfelder, weil Gasgrill-Werbung neben Meldungen aus Auschwitz tatsächlich vorkam. Seine Frage an die Branche: „Wenn Maschinen schreiben, Maschinen lesen und Maschinen messen – wer prüft dann das Ganze?“ Seinen Hebel setzt er beim Geld an: Fließen keine Werbeerlöse mehr auf solche Seiten, verliert das Geschäftsmodell seine Grundlage.
Die Zusammenfassungen wichtiger Panel-Diskussionen sowie Bildmaterial der 40. MEDIENTAGE München stehen in der Mediathek der MEDIENTAGE-Homepage und auch im MTM-Blog bereit.
Zudem können MTM-Themen gehört werden: im Podcast „This is Media NOW“.
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