Die KI-Euphorie in den Verlagen weicht der Ernüchterung
Der „KI-Reifegrad-Report“ 2026 in acht Befunden
KI ist in den Redaktionen und Lektoraten längst Alltag, und 79 Prozent der Medienhäuser haben eine Strategie. Belegen können den wirtschaftlichen Nutzen aber nur wenige. Acht Befunde aus dem dritten Report von BDZV und Retresco, sortiert nach Relevanz für den Verlagsalltag.
Published: 13.10.2026 | Foto / Video: KI-generiert, Magnific
79 Prozent der Medienhäuser haben KI strategisch verankert, ein Jahr zuvor waren es 60 Prozent. Zugleich nennen 49 Prozent technische Hürden bei Infrastruktur und Integration, 2025 waren es 28 Prozent. Der Mangel an Know-how bremst dagegen weniger als früher, die Quote sank von 60 auf 43 Prozent.
Die Branche weiß also besser, was sie will, bekommt es aber noch nicht sauber in CMS, Daten und Workflows. Das Problem heiße nicht mehr Prompting, sondern Integration, schreiben BDZV und Retresco.
Nur bei schnelleren Prozessen und der Entlastung der Mitarbeiter liegen Erwartung und Ergebnis nah beieinander. Überall sonst klafft eine Lücke von knapp 30 bis 43 Prozentpunkten.
Schnellere Prozesse, bessere Workflows, Entlastung
Erwartung 2026: 92 %
Erreicht: 80 %
Lücke: 12 PP
Kosteneinsparungen
Erwartung 2026: 63 %
Erreicht: 20 %
Lücke: 43 PP
Neue Formate und Erlösmodelle
Erwartung 2026: 62 %
Erreicht: 31 %
Lücke: 31 PP
Höhere inhaltliche Qualität
Erwartung 2026: 60 %
Erreicht: 32 %
Lücke: 28 PP
Stärkere Nutzerbindung durch Personalisierung
Erwartung 2026: 53 %
Erreicht: 14 %
Lücke: 39 PP
Warum die Kluft so groß ist, lassen die Autor:innen offen. Sie nennen überzogene Erwartungen, ungenutzte Potenziale der Anwendungen und fehlende Messgrößen als mögliche Gründe.
61 Prozent der Medienhäuser haben 2026 verbindliche ROI- oder Impact-KPIs definiert, im Vorjahr waren es 20 Prozent, 2024 erst 13 Prozent. Doch nur 20 Prozent messen ROI oder andere Kennzahlen tatsächlich anhand belastbarer Zahlen.
Die Messung konzentriert sich zudem auf wenige Bereiche. Am häufigsten werden Kennzahlen für die Redaktion (20 Prozent) und das Produkt (14 Prozent) erhoben, Vertrieb und Werbung kommen auf je 7 Prozent. 39 Prozent haben gar keine ROI- oder Impact-KPIs.
Für das Vertrauen schlägt der Report ein eigenes Kennzahlenset vor, mit Fehlerquote, Korrekturquote, Quellenabdeckung, Nutzervertrauen, Beschwerden und Transparenz der Kennzeichnung.
Im Vorjahr erwarteten 58 Prozent der Befragten mehr Reichweite durch KI, heute sind es nur noch 23 Prozent. 38 Prozent melden deutliche Rückgänge bei der externen Reichweite, 37 Prozent sehen keine signifikante Veränderung, 25 Prozent können es nicht belastbar bewerten. Der Report bringt das mit Google AI Overviews, AI Mode und anderen KI-Suchen in Verbindung.
Wer Verluste verzeichnet, nennt meist moderate Größenordnungen. 56 Prozent dieser Gruppe sprechen von bis zu 25 Prozent weniger Traffic, 37 Prozent von 26 bis 50 Prozent, 7 Prozent von 51 bis 75 Prozent. Größere Häuser berichten häufiger und tendenziell stärkere Rückgänge. Die Teilgruppe ist mit 27 Befragten allerdings klein.
65 Prozent setzen auf technische Zugriffskontrolle über die robots.txt, 24 Prozent steuern und überwachen Bots, 23 Prozent prüfen rechtliche Schritte. Offensive Maßnahmen bleiben die Ausnahme. Je 20 Prozent passen Produkte für die direkte Nutzung an oder führen Lizenzgespräche mit KI-Suchen, 14 Prozent arbeiten an Kennzeichnung und strukturierten Daten, 13 Prozent optimieren für KI-Suchen.
Ein dominanter Erlöspfad zeichnet sich nicht ab. Für 2026 und 2027 sehen je 17 Prozent Potenzial bei Paid Content und bei Audio- und Videoprodukten, 8 Prozent bei B2B-Daten und Lizenzierung. 14 Prozent wissen es noch nicht.
Die Nachfrage der Nutzer liefert Hinweise. Laut Reuters Digital News Report 2026 stellen 42 Prozent der Nachrichten-Chatbot-Nutzer Anschlussfragen, 33 Prozent lassen die Zuverlässigkeit von Quellen beurteilen.
54 Prozent der Medienhäuser schreiben agentischer KI strategische Relevanz zu, im Vorjahr waren es 34 Prozent. 39 Prozent investieren gezielt in Agenten, bei 35 Prozent spielen sie bereits eine wichtige Rolle. Häuser mit stärkerer Nutzung oder gezielten Investitionen stufen ihren Reifegrad deutlich höher ein.
Insgesamt fällt die Selbsteinschätzung etwas ab. 44 Prozent sehen sich im Mittelfeld (Vorjahr 38 Prozent), nur 27 Prozent halten sich für eher reif (31 Prozent), 1 Prozent für sehr reif (4 Prozent). Der Report wertet das als Normalisierung, weil mit der Erfahrung die Maßstäbe steigen.
Bei den Roadmaps sind 63 Prozent noch im Use-Case- und Experimentierstadium. Ein bereichsübergreifendes Programm haben 18 Prozent, eine redaktionelle Plattform mit Standards und KPIs 13 Prozent.
Die Verantwortung für KI wandert aus der Chefetage in die Fläche. Eigene Taskforces oder Projektgruppen sind von 11 auf 29 Prozent gestiegen, der KI-Verantwortliche liegt mit 29 Prozent gleichauf, nach 38 Prozent im Vorjahr. Bei Chefredaktion und Geschäftsführung liegt die Hauptverantwortung nur noch bei 8 beziehungsweise 10 Prozent, vorher waren es je 17 Prozent.
Bei den Mitarbeitern sind Grenzen sichtbar. Dass die Beschäftigten Ziele und eigene Rolle verstehen, trifft erst auf 46 Prozent der Häuser zu. Der Report nennt das die eigentliche Lücke. Nur noch 17 Prozent beschreiben die Haltung ihrer Belegschaft als überwiegend positiv (Vorjahr 26 Prozent), 70 Prozent als teils positiv, teils skeptisch. 24 Prozent sehen geringe Akzeptanz in der Redaktion.
Auch die Qualifikation ist ungleich verteilt. 24 Prozent schätzen höchstens ein Viertel ihrer Mitarbeiter als KI-ready ein, 2025 waren es 34 Prozent. Große Häuser mit über 250 Mitarbeitern nutzen KI in Bildgenerierung, Fact-Checking und Audio deutlich breiter als kleinere, mit Abständen von 23 bis 25 Prozentpunkten.
„Die Honeymoon-Phase ist vorbei“, sagt Holger Kansky vom BDZV. Die Sorgen wachsen entsprechend. 56 Prozent sehen Faktenfehler und Halluzinationen als große Herausforderung (2024 waren es 50 Prozent), 52 Prozent die Abhängigkeit von externen Plattformen, 47 Prozent Urheberrecht und Lizenzierung (2024 nur 29 Prozent). Es folgen Datenschutz mit 43 und Reputationsrisiken mit 34 Prozent.
Die Häuser reagieren mit Augenmaß. KI wächst dort, wo sich Ergebnisse gut kontrollieren lassen, bei Audioproduktion um 18 und bei Bildgenerierung um 8 Prozentpunkte. Beim Fact-Checking und der Recherche sank der Einsatz um 13 Punkte auf 51 Prozent, bei personalisierten Inhalten um 10 Punkte auf 22 Prozent.
77 Prozent kennzeichnen KI-Inhalte zumindest in bestimmten Fällen, 7 Prozent nie, 15 Prozent diskutieren es noch. Laut Reuters Digital News Report vertrauen weltweit 20 Prozent den Antworten von KI-Chatbots, dem Nachrichtenangebot insgesamt 37 Prozent, in Deutschland 46 Prozent. Als Beispiele für Pannen führt der Report unter anderem das ZDF mit nicht gekennzeichneten KI-Bildern und eine im Spiegel stehen gebliebene KI-Anweisung an.

Ein Blick zurück: Mit der Erfahrung wachsen die Sorgen
Wer die erste Ausgabe des Reports von 2024 danebenlegt, sieht, wie sich die Stimmung gedreht hat. Die Sorge vor Halluzinationen und falschen Ergebnissen stieg von 50 Prozent (2024) über 51 Prozent (2025) auf nun 56 Prozent und bleibt damit das größte Risiko aus Sicht der Häuser. Noch deutlicher wuchs die Sorge ums Urheberrecht, von 29 über 34 auf 47 Prozent. Je länger KI im Haus läuft, desto genauer kennen die Verlage ihre Schwächen.
Auch in der Belegschaft ist der Anfangsschwung weg. 2024 beschrieben 53 Prozent der Befragten die Haltung ihrer Mitarbeitenden als positiv, 2026 sind es nur noch 17 Prozent, die sie als überwiegend positiv einstufen, während 70 Prozent ein gemischtes Bild sehen. Der Vergleich hinkt, weil Frage und Antwortskala nicht identisch sind, und auch die Stichproben unterscheiden sich stark (2024 antworteten 39 Häuser, 2026 begannen 114 die Befragung, 64 schlossen sie ab). Die Richtung ist trotzdem eindeutig. Aus Euphorie wird Skepsis, und wer KI im Haus durchsetzen will, muss Fehlerrisiken und Bedenken der Kollegen ernst nehmen, statt sie wegzulächeln.
So belastbar sind die Zahlen
Die Befragung lief vom 21. April bis 15. Juni 2026. 114 Personen starteten die Umfrage, 64 beendeten sie. Die einzelnen Fragen beruhen je nach Thema auf 27 bis 87 Antworten. Die Umfrage ist laut BDZV und Retresco nicht repräsentativ.
Von den Teilnehmern kamen 47 Prozent aus Häusern mit mehr als 250 Mitarbeitern, 53 Prozent aus kleineren. 28 Prozent waren KI-Verantwortliche, 20 Prozent Redaktionsleiter, 16 Prozent in der Geschäftsführung. Die Werte sind Selbstauskünfte. Ob für die Vorjahresvergleiche dieselben Häuser antworteten, geht aus dem Material nicht hervor.
