„Medieninhalte werden atomisiert und lassen sich individuell neu zusammensetzen“
Katharina Neubert, SVP Strategy & Investments bei Holtzbrinck, über Liquid Content, KI-Agenten und die Zukunft der Verlagsstrategie.
Published: 20.8.2026 | Photo / Video: AI generated Magnific
Mit dem AI Hub in San Francisco hat Holtzbrinck einen Innovationsraum geschaffen, in dem Mitarbeitende der Gruppe – von Springer Nature über Macmillan bis DIE ZEIT – KI-Ideen für Wissenschaft, Bildung und Medien testen und umsetzen. Als Brücke zwischen Europa und dem Silicon Valley dient der Hub zugleich als Frühwarnsystem für Trends und Investitionsmöglichkeiten. Katharina Neubert leitet den Hub als Managing Director.
Warum hat Holtzbrinck den AI Hub ausgerechnet in San Francisco angesiedelt?
Die Dichte an KI-Talenten, Startups, Top-Unis, Investoren und KI-Unternehmen im Silicon Valley ist einzigartig. Hier dauerhaft präsent zu sein, hilft uns, enge Bindungen zu Universitäten, Investoren und potenziellen Partnerunternehmen aufzubauen.
Was entscheidet darüber, ob aus einem KI-Experiment ein skalierbares Produkt wird?
Der AI Hub ist ein Ort, an dem Mitarbeitende der Holtzbrinck-Gruppe ihre Ideen verproben können. Jedes Projekt hat einen Executive Sponsor sowie einen Mentor, die sicherstellen, dass die Projekte im Einklang mit den strategischen Prioritäten der Unternehmen sind und, dass die Ergebnisse nach dem Aufenthalt weiterverfolgt werden.
Gleichzeitig gehört zum Experimentieren dazu, dass nicht alles, was wir testen, ein Produkt wird. Das früh zu erkennen und Ressourcen umzuverteilen oder zu sehen, dass jemand anderes bereits an einer ähnlichen Lösung arbeitet, kann ebenfalls wirtschaftlich wertvoll sein, und Sunk Costs reduzieren.
KI-Lösungen selbst bauen oder auf Partner setzen – wo ziehen Sie die Grenze?
Jemand aus dem KI-Team von McDonald's hat hier einmal gesagt: Wenn es einen AI Use Case gibt, von dem auch Burger King profitiert, würde McDonald's ihn nicht selbst bauen. Das hat mich beeindruckt. Vielleicht können Medienunternehmen sich davon ein wenig mehr inspirieren lassen. Es ergibt wenig Sinn, dass jeder Verlag dieselben Features selbst entwickelt.
Gleichzeitig braucht es Differenzierung nah am Markenkern. Ab und zu kann eine Eigenentwicklung strategisch sinnvoll sein.
Welche KI-Entwicklungen sollten Verlage jetzt besonders aufmerksam verfolgen?
Da gibt es eine Menge. Zwei Entwicklungen, die wir aufmerksam beobachten:
Liquid Content: KI macht es möglich, dass sich Geschichten vom ursprünglichen Trägermedium lösen. Wir können Videos lesen und Podcasts schauen – Inhalte fließen zwischen Formaten. Eine echte Chance, auch jüngere Zielgruppen zu erreichen. Medieninhalte werden „atomisiert“ und lassen sich individuell neu zusammensetzen. Journalismus wird zum persönlichen Berater – relevant, kontextuell, auf mich zugeschnitten. Publisher werden zu Daten-Unternehmen. In einer Welt, in der jede/r professionell anmutende Inhalte erstellen kann und Menschen ihre Fragen an KI-Chatbots richten – wie überzeugen wir mit unseren Inhalten und deren Darbietungsform? (Anm. d. Red: Holtzbrinck lud kürzlich zum Liquid Content Summit)
KI Agenten: Nicht nur für interne Workflows, sondern als fundamentale Veränderung unserer Geschäftsmodelle. Wenn nicht mehr Menschen, sondern Agenten unsere ersten „Leser“ sind, verändert sich das Spiel von B2C zu B2A2C – Business to Agent to Consumer. Wie optimieren wir unsere Angebote für das Agentic Web?
Wichtiger als Trends zu erkennen ist, abzuleiten, was sie für uns bedeuten – und zu handeln. Aktuell spricht das Valley über World Models (Anm. d. Red.: Mehr über World Models), Agenten sind hier schon fast ein alter Hut. Viele Verlage stehen bei KI Agenten, ob in den eigenen Workflows, oder in der Anpassung ihrer Produkte ans Agentic Web, noch am Anfang.
Die Technologie verändert sich schnell, aber die eigene Organisation zukunftsfähig aufzustellen, braucht Zeit. Deshalb begreifen wir KI nicht als IT-Projekt, sondern als ganzheitliche strategische Transformation. Der AI Hub in San Francisco ist ein Baustein, der unserer Gruppe dabei hilft, die Gesellschaft und unsere Kunden in der KI-Ära besser denn je zu informieren, zu unterhalten – und handlungsfähig zu machen.

Katharina Neubert (LinkedIn) ist Senior Vice President Strategy & Investments bei Holtzbrinck und Managing Director des Holtzbrinck AI Hub in San Francisco. Sie unterstützt Holtzbrincks Portfoliounternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung ihrer KI-Strategien – von Springer Nature über Macmillan bis DIE ZEIT – und baut Brücken zwischen Europa und dem Silicon Valley.
