Ein Klappentext ist ein Klappentext ist ein Klappentext
Künstliche Intelligenz verändert unser Suchverhalten – welche Auswirkungen hat dies auf die Metadaten rund um Bücher? Von Roger Send und Joachim Leser
Published: 29.4.2026 | Photo / Video: KI-generiert, Freepik
„Wie muss ein Klappentext heutzutage formuliert sein?“. Im Beirat Digitales des Schweizer Buchhandels- und Verlags-Verband sind wir aus unterschiedlichen Bereichen – Verlag und Buchhandel – auf dieselbe Frage gestoßen. Der Klappentext, traditionell der Werbetext auf dem Buch, der die Leserschaft in der Buchhandlung zum Kauf bewegen soll, ist längst in einem neuen Umfeld gelandet. Er umgarnt die Leserschaft nicht mehr nur in der Buchhandlung, sondern muss auch in Onlineshops, Verlagswebseiten und Warenwirtschaftssystemen Überzeugungsarbeit leisten. Nicht nur potenzielle Kunden und Kundinnen lesen Klappentexte, sondern auch Suchmaschinen. Ob ein Buch in einem Onlineshop oder bei Google gefunden wird, hängt auch wesentlich vom Klappentext ab.
Bei Fragen wird die Luft dünn
Mit dem Aufkommen der Künstlichen Intelligenz stellt sich die Frage nach den Daten rund ums Buch neu. Das Suchverhalten der Nutzenden ändert sich mit den Chatbots und anderen KI-Tools wie ChatGPT und Gemini auf dramatische Weise: In der Regel werden nicht mehr Stichworte, Buchtitel oder Autorennamen ins Suchfeld eingegeben, sondern komplette Fragen. Man sucht ein Vorlesebuch für die zehnjährige Enkelin, einen leichten Krimi für den Urlaub auf der griechischen Insel, ein Fachbuch über die Flora im Jura, ein ähnliches Buch wie den Roman, den man zuletzt so begeistert gelesen hat. Es entsteht ein Dialog in Mensch-Maschinen-Sprache, der idealerweise zur passenden Titelauswahl führt.
Mit Lolek.ai und einem Chatbot auf buchhaus.ch haben wir erste Erfahrungen mit Künstlicher Intelligenz in der Buchsuche gesammelt. Bei Stichwort- und Schlagwortsuche funktioniert die Suche oft hervorragend, werden aber Fragen formuliert – wie dies bei der KI-Suche üblich ist, wird die Luft schnell dünn: Die Suchergebnisse hielten dann oft einer fachlichen Prüfung nicht mehr stand.

Schweizerische KI-Feldversuche: Lolek.ai
Viel Konkurrenz fürs Buch
Wird in der Buchbranche über KI diskutiert, steht aktuell die Diskussion um das Urheberrecht im Mittelpunkt: Wie kann es gelingen, die urheberrechtlich geschützten Inhalte vor den gefräßigen KI-Bots zu schützen?. Wie lässt sich verhindern, dass Buchinhalte als Ressource für die Chatbots dienen?. Weiter befassen sich Buchhandel und Verlage damit, wie KI-Tools sie bei der täglichen Arbeit in Marketing, Lektorat, Disposition und anderen Prozessen unterstützen können. Was weitgehend fehlt, ist eine Diskussion, wie Bücher und Buchhandel bei der neuen Chatbotsuche sichtbar bleiben.
Bereits heute gilt: Wer „Harry Potter“ bei Google eingibt, bekommt kaum mehr das Buch bei den Suchergebnissen angeboten, das Buch konkurriert mit Netflixserien, Merchandising-Artikeln, Fan-Foren. Wer Reisetipps für die nächste Urlaubsreise sucht, findet inmitten von Reiseveranstaltern, Reiseblogs und lokalen Tourismusseiten eventuell noch einen einsamen Lonely Planet-Reiseführer Wallis.
Das Buch muss sichtbar bleiben
Künftig kann das Buch als verlässlicher Informationslieferant an Bedeutung gewinnen. Die Antworten der Künstlichen Intelligenz sind der Wahrscheinlichkeit verpflichtet, nicht der Wahrheit. Es ist absehbar, dass in den nächsten Jahren zahlreiche KI-generierte Inhalte das Netz fluten werden und sich mehr und mehr Unsinn verbreiten wird. Verlässliche Informationen werden mehr und mehr zu einem seltenen und kostbaren Gut werden. Dass Bücher in diesem Wettbewerb der Informationen die notwendige Sichtbarkeit erreichen und als verlässlicher Lieferant von Informationen, Unterhaltung und verlässlichem Wissen bedeutsam bleiben, hängt auch davon ab, welche Informationen über Bücher verfügbar sind.
Verführungs- vs. Informationsgehalt
Erraten Sie, für welches Buch der folgende Klappentext wirbt?:
„Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Die spannende Geschichte – märchenhaft, witzig und zugleich fürchterlich angsteinflößend – vom finsteren Helden Grenouille.“
Dieser Klappentext hat alles, was einen guten Klappentext ausmacht: Er verführt, er macht neugierig, es zieht einen ins Buch hinein. Aber würde jemand bei einem Chatbot nach einem Roman suchen, der Düfte und Riechen thematisiert, würde dieser Klappentext kaum zum Roman „Das Parfüm“ führen. Der Verführungsgehalt des Klappentextes ist hoch, der Informationsgehalt überschaubar.
Weniger Lektoratspoesie!
Um Bücher bei der KI-Suche sichtbar zu halten, braucht es womöglich weniger Lektoratspoesie und mehr Grundinformationen zum Buch: Wo und wann spielt der Text?. Für wen ist der Roman geeignet, für wen eher nicht? Was sind die Hauptcharaktere, wie ist die Haupthandlung?. Welche Themen spielen in dem Roman eine Rolle? Welche ähnlichen Bücher gibt es – thematisch, stilistisch?. Ist es sinnvoll, Triggerwarnungen für das Buch auszuliefern?.
Diese Grundinformationen werden sich je nach Genre deutlich unterscheiden. Ein Roman braucht andere als ein Ratgeber, ein Kunstband, ein Kinderbuch oder ein Fachbuch. Was diese Grundinformationen aber leisten sollten: Sie sollten bei den Fragen, die Nutzende in den Chatbots stellen, den passenden Titel mit in die Diskussion bringen. Die Stichwortsuche bislang war allgemein und brachte bei der entsprechenden Verschlagwortung zahlreiche Titel bei den Suchergebnissen. Es zeichnet sich ab, dass die neue Suche deutlich spezifischer ist.
KI hat die Daten nicht
Was die Pflege der Metadaten angeht, gibt es traditionell kaum eine Branche, die ähnlich umfassend agiert wie die Buchbranche. Kaum ein Produkt wird aktuell ähnlich strukturiert mit Informationen ausgestattet wie Bücher. Bücher werden in Warengruppen eingeteilt, sie werden verschlagwortet, mit Thema-Klassifikationen und inzwischen auch mit Lesemotiven angereichert. Doch reicht das? Aus zwei Gründen kann dies bezweifelt werden.
Erstens: Die Metadaten der Buchbranche wurden für die traditionelle Schlagwortsuche erstellt. Die Suche in Onlineshops und bei Google war in der Regel eine Schlagwortsuche. Für die neue generische Art des Suchens fehlen Informationen. Zweitens: Ein Großteil der Daten, mit denen die Kataloge gefüttert werden, steht der KI-Suche nicht zur Verfügung. Schlagworte, Thema-Klassifikationen, Lesemotive – all das sind Metadaten, die im Warenwirtschaftssystem noch genutzt werden können, als Informationen zum Produkt sind sie auf Verlagswebseiten und Onlineshops kaum sichtbar.
schema.org könnte hilfreich sein
Für Suchcrawler, welche die Daten für die Künstliche Intelligenz einsammeln, existiert bereits ein Standard, der den strukturierten Informationstransfer von Websites zur KI erleichtert: schema.org. Der Standard wurde vor knapp 15 Jahren von Google, Microsoft und anderen Techunternehmen eingeführt. Onlineshops, Streamingportale, Nachrichtenseiten und andere große Webseiten nutzen schema.org umfassend, auch in der Buchbranche hat sich dieser Standard bei den Onlineshops durchgesetzt, und er ist inzwischen auch auf vielen Webauftritten der Verlage anzutreffen. Informationen wie aktuelle Lieferbarkeit, Preis und durchschnittliche Kundenbewertungen werden über diesen Standard an die Suchmaschinen gemeldet und dadurch zum Teil auch bei Google direkt sichtbar.
Es braucht präzise Informationen
Die Buchbranche könnte den Schema.org-Standard nutzen, um zusätzliche Informationen zu Büchern auf Verlagsseiten und Onlineshops auszuliefern. Diese Informationen wären für die Endkundschaft nicht sichtbar. Zusatzinformationen wie etwa Triggerwarnungen, weitere bibliografische Hinweise, Informationen zur Rezeption, zur aktuellen Resonanz usw. wären speziell für das Auslesen der KI-Crawler konzipiert. Beim Fachbuch mag ein Hinweis auf wissenschaftliche Standards (Peer Review u. ä.), auf Zusatzmaterial im Buch, Inhaltverzeichnisse usw. hilfreich sein. Beim Kinderbuch sind wohl präzise Angaben zum Zielpublikum und zu inhaltlichen Themen angemessen – sowie der Hinweis darauf, dass die Illustrationen handgezeichnet sind.
Wie der Brühwürfel!
Die Idee ist schlicht und folgt einem schweizerischen Vorbild: dem Brühwürfel, der vor gut hundert Jahren von Maggi in Kemptthal bei Winterthur erfunden wurde. Grundinformationen werden in einem Datenkonzentrat gesammelt und via schema.org zur Verfügung gestellt. Trifft die KI auf den Datenbrühwürfel, so entfaltet er seine Wirksamkeit und hilft aufgrund der Zusatzinformationen bei der Beantwortung diverser Fragen, die in KI-Chatbots gestellt werden. Mit der IG Produktmetadaten wird aktuell geprüft, ob die Verwendung eines solchen zusätzlichen Felds sinnvoll und umsetzbar ist.
Roger Send ist stellvertretender Leiter Vertrieb bei Diogenes. Joachim Leser ist Leiter E-Commerce bei Lüthy + Stocker.
Die beiden gehören dem Beirat Digitales des SBVV an, der rund ein Dutzend Expertinnen und Experten vereint. Der Beirat Digitales ist ein fachübergreifendes Sounding Board für digitale Themen in der Buchbranche.